Sport : Flucht in die Verärgerung

Nach der Niederlage in Wolfsburg suchen die Bayern die Schuld lieber bei anderen als bei sich selbst

Frank Heike

Wolfsburg. „Lasst mich durch“, signalisierte Oliver Kahns Körpersprache. „Lasst mich bloß durch!“ Er war wieder einmal stocksauer, der Torwart des FC Bayern München, als er in Richtung Kabine lief. Ein Zusammentreffen mit dem Kahn im Kabinentrakt, diesem Engpass in der Wolfsburger Volkswagen-Arena, die hätte für alle Beteiligten unangenehm enden können – zum Glück antizipierte Bayerns Sprecher Markus Hörwick die Situation und bahnte dem Torwart in der Manier eines Leibwächters seinen Weg.

Der ehrgeizige Kahn hatte sich maßlos über seine Verteidiger geärgert. Zweimal durften Gegenspieler kurz vor Schluss frei zum Schuss kommen, zweimal war Kahn chancenlos. Das sind Situationen, die er hasst, weil er selbst nicht eingreifen kann. Einmal, beim 2:2 in der 83. Minute, schlug der Ball aus etwa 16 Metern im rechten Winkel ein, das zweite Mal, beim Tor zum 3:2-Endstand in der 89. Minute, stand der Wolfsburger Diego Klimowicz plötzlich allein kurz vor ihm.

Ihre späte Passivität, ja Lethargie hatte den Münchnern die erste Saisonniederlage eingebrockt, als es doch so aussah, als würde das 2:1 erfolgreich über die Zeit verwaltet werden. Nachdem das aber nicht gelungen war, war die Reaktion der Bayern auf das 2:3 beim VfL Wolfsburg die bekannte: Die Verantwortlichen reklamierten Kräfteschwund ihrer Angestellten, weil so viele der hoch bezahlten Profis mit den Nationalmannschaften unterwegs gewesen waren. Einige wie Ballack, Jeremies und Deisler hatten sich im nationalen Auftrag sogar verletzt und waren am Samstag ausgefallen, andere wie Zé Roberto – der später auch angeschlagen heraus musste – waren erst Freitagnacht im Quartier der Bayern eingetrudelt. Auch Pizarro und Lizarazu fehlten.

Schon drohte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dem Fußball-Weltverband Fifa mit einem Streik der besten europäischen Klubs bei Spieler-Abstellungen: „Fifa-Präsident Blatter benutzt die Vereine, um seine Verbandskasse zu füllen. Das machen wir nicht länger mit.“ Eine bekannte Drohkulisse der Bayern. Während Rummenigge schäumte, analysierte Ottmar Hitzfeld eher nüchtern: „Uns haben einfach die Kräfte gefehlt. Am Ende haben wir die Bälle zu schnell und zu leicht verloren.“ Erloschen war da schon die Freude über das erste Bundesliga-Tor des Millionen-Einkaufs Roy Makaay zum 2:1 in der 59. Minute. „Ein Treffer ohne Wert“, befand Hitzfeld. „Es ist besonders bitter, dass wir nach einer Führung noch verlieren. Das passiert uns selten.“

Sicher fehlte am Ende den Bayern die Kraft, weil auch die angeschlagenen Sagnol und Schweinsteiger mangels Alternativen durchspielen mussten. Aber wie leichtfertig die Münchner das Spiel trotz der Führung aus der Hand gaben, überraschte schon. Weder Salihamidzic noch Hargreaves, geschweige denn der wie ein Auslaufmodell wirkende Scholl wehrten sich am Ende gegen die immer mutiger werdenden Wolfsburger. Auch der zuletzt im Trikot der Nationalmannschaft gefeierte Rau zeigte einmal mehr seine Schwächen in der Defensive: In dieser Phase wurde der Wert der fehlenden Jeremies und Ballack für die Bayern deutlich.

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