Sport : Flucht nach China

Tischtennisspielerin Ran Li sucht in der Heimat ihre Form – 3B Berlin muss ohne die ehemalige Nummer eins gewinnen

Jörg Petrasch

Berlin. Die etwas optimistische Einschätzung von Rainer Lotsch lautete folgendermaßen: Die Zuschauer sollten einkaufen gehen, dann beim Match seiner Tischtennisspielerinnen von 3B Berlin vorbeischauen – und danach seinetwegen weiter einkaufen. Daraus wurde Freitagabend in Lichtenberg aber nichts. Nach zweieinhalb Stunden gewann sein Team zwar gegen den kroatischen Klub Mladost Zagreb mit 3:2. Für die etwa 150 Zuschauer war es um halb neun Uhr aber zu spät. Auch der letzte Laden hatte da schon geschlossen.

Dass der insgesamt vierte Einzug ins Halbfinale des europäischen Nancy-Evans-Cup gegen den Liga-Spitzenreiter Kroatiens so knapp wurde, lag nicht an der eigenen Überheblichkeit. Manager Lotsch hatte seine Spielerinnen zuvor ausreichend gewarnt. Es lag vielmehr an zwei chinesischen Spielerinnen. Genauer gesagt an der mangelnden Ausrechenbarkeit ihrer jeweiligen Spielstärken.

Die eine war Zagrebs Spitzenspielerin Go Yun. „Wir wussten über sie fast überhaupt nichts“, sagte Berlins Nationalspielerin Tanja Hain-Hofmann. Einzig, dass sie Linkshänderin ist, war 3B bekannt. Und Go Yun holte dann auch gegen die Litauerin Ruta Budiene und Hain-Hofmann zwei Punkte.

Die andere Chinesin war die nominelle Nummer drei bei 3B, Ran Li. Die 21-Jährige befand sich erst gar nicht in der Halle. Wegen eines schon länger anhaltenden Formtiefs ist sie vom 9. Dezember bis zum 4. Januar bei ihrer Familie in China. Dort soll sie trainieren und über ihre Leistungen nachdenken. „Es ist fünf vor zwölf. Für Ran ist es höchste Zeit, ihre Normalform wiederzufinden“, sagt Rainer Lotsch, der sie momentan für zu trainingsfaul hält.

Die ehemalige chinesische Schülermeisterin ist vor drei Jahren als Nummer eins nach Berlin gekommen. Nach anfänglich sehr guten Leistungen hat sie in diesem Jahr deutlich abgebaut – ohne Verletzungen oder andere äußerlich sichtbare Einflüsse. Für eine Spielerin in ihrem Alter wäre schon eine Stagnation ein Rückschritt. Aber die bisherige Bilanz von 8:5 Siegen auf Position drei in der Bundesliga ist nicht nur für den Manager indiskutabel. Auch die Mannschaft sei sauer auf Ran Li, behauptet Lotsch.

Formschwankungen konnte das Team bisher immer mit großer Ausgeglichenheit wettmachen. Auch am Freitag, als Budiene und Hain-Hofmann gegen Eldijana Aganovic-Bentsen und die Russin Irina Palina gegen Andrea Bobetic jeweils einen Punkt zum 3:2-Sieg über Zagreb beisteuerten. Im Halbfinal-Hinspiel trifft 3B in vier Wochen nun entweder auf den Titelverteidiger Postas Budapest oder auf die Niederländerinnen von Remerij T.D.K. Das Rückspiel findet dann wiederum vier Wochen später statt.

Trotz des knappen Ergebnisses ist Rainer Lotsch mit dem Saisonabschluss zufrieden: Halbfinaleinzug im Europapokal und durch den 6:1-Sieg am vergangenen Montag beim TuS Holsterhausen Platz drei in der Bundesliga. „Das ist eine gute Position für nächstes Jahr“, findet Lotsch. Beide Titel sind noch möglich. Den Europapokal zu holen wird einfacher sein. Den gewann 3B im letzten Jahr zum ersten Mal. Mit einer überragenden Ran Li. Diesmal ist noch alles offen.

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