Sport : Flucht vor dem Lob

Der dreifache Torschütze Enrico Kern steht für den späten Aufschwung des FC Hansa Rostock

Karsten Doneck[Rostock]

Eigentlich spielte er eher unauffällig. Sicher, er lief viel, suchte die Situationen Mann gegen Mann, kämpfte verbissen. Aber das taten die Kollegen Fußballprofis von Hansa Rostock auch. Dennoch fiel Enrico Kern nachher Heldenstatus zu, hatte er doch den Nerv des Gegners Energie Cottbus empfindlich getroffen. Weil er im richtigen Moment dreimal am richtigen Ort auftauchte: Seine drei Tore beim 3:2-Sieg über den Energie Cottbus machten den 28-jährigen Hansa-Stürmer nach Spielschluss zu einem begehrten Mann. Schulterklopfer hier, Fragensteller dort – es schien fast, als hätte Enrico Kern ohne Mithilfe von zehn Anderen die Cottbuser ganz alleine bezwungen.

Ihm selbst war die erhöhte Wertschätzung fast ein wenig peinlich. Wann ihm schon mal drei Tore in einem Spiel gelungen seien? Antwort: „Das ist schon ein bisschen lange her, denke ich.“ Wie er seine Tore einschätze? Sie seien „noch nie so wichtig und wertvoll wie heute gewesen“. Kern wirkte geradezu erlöst, als er endlich dem ganzen Pulk der Reporter entwischen konnte.

Hansa Rostock, der Aufsteiger, hat zurückgefunden in die Fußball-Bundesliga. Nicht zuletzt dank Typen wie Kern. Der galt einst bei Erzgebirge Aue als Riesentalent, hatte danach im Profifußball aber nie so richtig Fuß gefasst. Tennis Borussia, Werder Bremen, Waldhof Mannheim, LASK Linz und Jahn Regensburg – das waren seine Stationen. Glücklich ist er nirgendwo geworden, wobei sich immer wieder die Frage stellte, ob er die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt hatte oder die Erwartungen an ihn einfach zu hochgesteckt waren.

Hansa nun verfolgt ein eigenes Konzept. Der Verein scheut nicht davor zurück, den Kader mit deutschen Spielern anzureichern, die anderswo aus unterschiedlichen Gründen gescheitert sind. Kern ist so einer, Christian Rahn auch, Torwart Stefan Wächter zählt dazu und andere mehr – willkommen im Klub der verkrachten Existenzen.

Es hat gedauert, bis Hansa sich nach dem Aufstieg in der Bundesliga zurechtfand. Nach fünf Spieltagen waren die Rostocker noch ohne Punkt Letzter, das Torverhältnis mit 3:11 schlicht katastrophal. Sogar der Vergleich mit Tasmania 1900, der schlechtesten Bundesligamannschaft aller Zeiten, wurde schon wieder strapaziert. Acht Spieltage später ist die Mannschaft immerhin schon Vierzehnter.

Und dazu tragen auch Typen wie Enrico Kern bei. Wie er denn Kerns Leistung beurteile, wurde Frank Pagelsdorf gefragt. Der Trainer grinste erst, bevor er augenzwinkernd antwortete: „Der hat sehr schlecht gespielt heute.“ Dumme Frage, dumme Antwort.

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