• Flüchtlingskrise trifft Berliner Spitzensport: Die Flucht des Sprinters in den Keller

Flüchtlingskrise trifft Berliner Spitzensport : Die Flucht des Sprinters in den Keller

Lucas Jakubczyk ist einer der schnellsten deutschen Sprinter. Doch leben Flüchtlinge in seiner Trainingshalle. Er trainiert nun unter skurrilen Umständen.

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Lucas Jakubczyk ist noch nicht gut in die Saison gestartet - was viel mit äußeren Umständen zu tun haben könnte.
Lucas Jakubczyk ist noch nicht gut in die Saison gestartet - was viel mit äußeren Umständen zu tun haben könnte.Foto: picture alliance / dpa

Lucas Jakubczyk macht die Tür auf und ihm gefällt nicht, was er sieht. „Es ist etwas kaputt. Mal wieder“, sagt er. Jakubczyk betritt den Kraftraum der Leichtathletikhalle im Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen. Wenige Meter von ihm entfernt steht ein Mann in etwa fünf Metern Höhe in der Gondel eines Mini-Krans. Das Dach muss repariert werden im Sportforum. Es ist eine Dauerbaustelle, und mit Baustellen kennt sich Lucas Jakubczyk in diesen Wochen und Monaten sehr gut aus. Seine größte ist sein Körper. Das ist ein Jammer. Für Lucas Jakubczyk, aber auch für die deutsche Leichtathletik.

Der 30-Jährige ist derzeit Deutschlands zweitschnellster Sprinter, auf jeden Fall auf dem Papier. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 10,07 Sekunden. Das ist nur eine Hundertstelsekunde mehr als der deutsche Rekord von Julian Reus. Aufgestellt hat Jakubczyk die Zeit im Mai 2014. In der Zwischenzeit ist aber so viel passiert, dass er aus diesen 10,07 Sekunden wohl kaum mehr Motivation zieht. Ein persönlicher Rekord kann auch zur Belastung werden, und zwar dann, wenn er unerreichbar erscheint.

Jakubczyk lebt in Charlottenburg. Die Fahrt ins Sportforum hat an diesem Dienstag Ende Januar mal wieder eine Stunde gedauert, weil die Bahn nicht fuhr, wie sie hätte fahren sollen. „Das nervt“, sagt er. Er wolle nicht klagen. „Aber ich muss schon viel improvisieren.“ Und das ist noch schwer untertrieben. Die Improvisationskünste Jakubczyks beginnen zum Beispiel damit, dass er im Keller des Olympiastadions, wo er nachmittags trainiert, eine Bahn vorfindet, die einen Auslauf von 17 Metern hat. Das ist viel zu wenig. Jakubczyk muss dort nach 80 Metern austrudeln lassen, will er nicht hart auf der Wand aufschlagen. In der Rudolf-Harbig-Halle am Olympiastadion, seiner alten Trainingsstätte, konnte er noch auf einer hydraulischen Rundbahn mit verstellbaren Kurven trainieren.

Es ist jetzt ein Spiel auf Zeit

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Prognose, dass Jakubczyk in den nächsten Wochen und Monaten nicht an seine Bestzeit herankommen wird. Dabei beginnen am 5. August die Olympischen Spielen in Rio. Es ist jetzt ein Spiel auf Zeit. Jakubczyk muss sich erst einmal qualifizieren, 10,16 Sekunden sind die Norm, und dass selbst 10,16 eine ernste Hürde für ihn darstellen, hat auch mit einem Knochenödem am linken Sprunggelenk zu tun. Erst seit November kann er wieder voll trainieren. Doch es hat eben auch viel mit äußeren Umstanden zu tun, mit der mäßigen Sportinfrastruktur in Berlin und dem Zustrom von Flüchtlingen.

Im Herbst vergangenen Jahres drang die Flüchtlingsproblematik unmittelbar in sein Leben. Am 10. September erzählte ihm ein Trainingskollege, dass in der Rudolf-Harbig-Halle Flüchtlinge eingezogen seien. Jakubczyk fuhr noch einmal dort hin, um seinen Spind zu leeren. Und heute ist der Spind von Jakubczyk immer noch leer, weil die Flüchtlinge immer noch da sind. Wie viele andere Berliner Spitzensportler musste Jakubczyk nach der Schließung der Rudolf-Harbig-Halle seinen Trainingsplan überarbeiten. Nun trainiert Deutschlands zweitschnellster Sprinter vormittags auf der Dauerbaustelle Sportforum und nachmittags auf der Bahn ohne Auslauf im Keller des Olympiastadions. „Mit der Weltspitze mitzuhalten, ist unter den Bedingungen schwer möglich“, sagt er.

„Das ist eine Katastrophe“

Zur Flüchtlingsproblematik will er sich nicht groß äußern. „Weil die Gefahr besteht, dass ich fehlinterpretiert werde.“ Ein bisschen was sagt er dann doch. „Für mich und viele andere Berliner Leistungssportler bedeuteten die Entwicklungen, dass viele von uns vermutlich auch wegen der eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten die Ziele nicht erreichen werden. Das tut mir für alle Beteiligten leid.“ Dabei sei er noch verhältnismäßig gut weggekommen, weil es für ihn ab März mit Trainingslagern in Südafrika und den USA weitergehe. Bis dahin aber muss er noch mit dem Sportforum und dem Keller des Olympiastadions klarkommen.

Dabei hatte es zuerst geheißen, dass die Rudolf-Harbig-Sporthalle Anfang Februar wieder geräumt und frei für die Sportler werde. Vor wenigen Tagen aber wurde dem Berliner Leichtathletikverband mitgeteilt, dass die Halle noch bis August belegt sei. „Das ist eine Katastrophe“, schimpft Gerhard Janetzky, der Präsident des Berliner Leichtathletikverbands und redet sich in Rage: „Wir sind so langsam mit der Geduld am Ende.“ Zumal in den vergangenen zwei Wochen laut Janetzky nur gut 20 Flüchtlinge in der Rudolf-Harbig-Halle untergebracht waren. „Da stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht, wenn deshalb 150 Kaderathleten nicht trainieren können“, sagt er. „Berlin ist derzeit leichtathletikmäßig abgemeldet.“

Die Sportstadt Berlin taumelt

Nun ist es immer ein gutes Mittel, den Teufel an die Wand zu malen, um sich Gehör zu verschaffen. In den Aussagen von Janetzky steckt aber nach Lage der Dinge kein allzu großes Maß an populistischem Kalkül. Das Beispiel Jakubczyk zeigt: Die Sportstadt Berlin kann nicht einmal mehr ihre Besten mit Infrastruktur versorgen. Und mit Grauen blicken sie beim Berliner Leichtathletikverband nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auch in die Zukunft. Die Rudolf-Harbig-Halle wird nach dem Auszug der Flüchtlinge renoviert werden müssen. Janetzky rechnet mit einem halben Jahr Renovierungszeit.

Dass die Berliner Leichtathletik wie Janetzky sagt, den Anschluss verliert, zeichnet sich vor allem vor dem Hintergrund ab, dass noch in diesem Jahr die Leichtathletikhalle im Sportforum für mindestens zwei Monate wegen Arbeiten an der Statik geschlossen wird. Sollten die Arbeiten erst im Winter stattfinden, wäre das laut Jakubczyk „das Aus für den Berliner Leistungssport im Hinblick auf die WM im nächsten Jahr in London 2017“.

An 2017 will Jakubczyk noch gar nicht denken. Es macht auch gar keinen Sinn. Denn wie es mit ihm weitergeht, hängt auch vom Ausgang des laufenden Jahres ab. „Alle Verträge und Förderungen werden nach der Saison neu verhandelt. Und eine erfolgreiche Saison bedeutet natürlich auch eine höhere Unterstützung für das Folgejahr“, erklärt Jakubczyk. Hätte er die Möglichkeiten, würde er zu Trainingszwecken am liebsten jedes Jahr viel länger in die Sonne fliegen, sagt er. Weit weg von Berlin. Und weit weg von vielen Problemen.

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