Flughafen Tempelhof : Startbahn für den Sport

Viele Sportler nutzen schon den einstigen Flughafen Tempelhof: Läufer, Radler und der Eishockeyklub ECC Preussen. Künftig soll hier noch mehr in Bewegung kommen.

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Raum für vieles. So lieben viele Berliner ihr Flugfeld - und wollen, dass es nicht bebaut wird.Alle Bilder anzeigen
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20.05.2012 10:36Raum für vieles. So lieben viele Berliner ihr Flugfeld - und wollen, dass es nicht bebaut wird.

Schon draußen brummt es im Takt. Das dumpfe Geräusch weist den Weg in ein Gebäude, dessen Eingang an eine Lagerhalle erinnert. Ketten hängen davor, eine kleine Treppe führt hinein. Dem Brummen entgegen. Im Inneren schlagen drei Männer auf ihre Trommeln ein. Krawumm, krawumm, krawumm. Sie verursachen einen Hall, wie er nur in dieser Umgebung möglich ist. Die drei Männer trommeln im Hangar drei des Flughafens Tempelhof, und sie feuern ihren Klub an. Der ECC Preussen spielt gerade gegen die Icefighters Leipzig. Oberliga-Eishockey.

Mitten im Hangar liegt die Eisfläche. Drumherum befinden sich die Stehplatztribünen, auf denen die drei Männer fleißig auf ihre Trommeln schlagen. In einer anderen Ecke des Hangars liegt eine Containerstadt, dorthin stürmen die Eishockeyspieler in den Drittelpausen – es sind die Kabinen. „Wir haben hier aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Peter Molling, der Vizepräsident des ECC. „Viel Arbeit steckt hier drin, wir haben uns selbst etwas aufgebaut. Es ist jetzt so etwas wie unser Zuhause.“

Seit die Deutschlandhalle zumachte, suchten die Preussen eine neue Heimat

Die Preussen haben in dieser bizarren Umgebung ein neue Heimat gefunden. Nachdem die Deutschlandhalle im Jahr 2009 geschlossen geworden war und der Verein in der Erika-Hess-Halle im Wedding nicht glücklich wurde, zog er nach Tempelhof. Schließlich wird die neue Halle in der Glockenturmstraße – das kündtige Zuhause des ECC – erst 2011 fertig. So lange spielt der Verein noch im Provisorium, das früher für die Wartungsarbeiten an Flugzeugen gedient hat. Doch seit Tempelhof für den Flugbetrieb geschlossen ist, ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten.

Konzerte gab es hier schon, Messen und eben Sportevents. Auf dem Freifeld, das für jedermann zugänglich ist, kreuzen sich die Wege von Joggern, Inlineskatern, Walkern, Fußgängern und Drachensteigern. Lauf- und Radsportveranstaltungen fanden schon hier statt; es sollen noch mehr werden.

Im Inneren des Geländes gab es neben dem regelmäßigen Eishockeybetrieb bereits ein Reitturnier. „Sport ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Vermietung“, erzählt Katja Potzies von der Berliner Immobilienmanagement GmbH, „wir erkennen da noch jede Menge Potenzial für weitere Veranstaltungen im Sportbereich.“ Wird aus dem riesigen Flughafengelände also in der Zukunft ein riesiges Sportgelände?

Das ehemalige Flughafengelände soll zum Zentrum des Berliner Sports werden

Dirk Brennecke, der Geschäftsführer des Berliner Fußball-Verbandes, brachte schon die Idee auf, Tempelhof neben dem Sportforum Hohenschönhausen und dem Olympiapark zum dritten Zentrum des Berliner Sports zu machen – mit Sportstätten für Breiten- und Leistungssport und Platz für neue Ideen. Aus der SPD kommt der Vorstoß, 15 neue Sportplätze am und um das Gelände des Flughafens entstehen zu lassen. Zur Freude des Landessportbundes, der von einem Befreiungsschlag spricht, denn die sozialen Brennpunkte Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg seien chronisch unterversorgt mit Sportanlagen.

Bisher ist der Eishockeyverein der einzige regelmäßige sportliche Gast auf dem Gelände. Im Hangar drei flitzen die ersten Spieler um 8 Uhr morgens übers Eis, erst kurz vor Mitternacht verlassen die letzten Spieler die Halle. Montags stellen die Preussen das Eis zusätzlich für die Berliner Curler zur Verfügung. Dass es überhaupt zur Umwidmung der Hangars gekommen ist, liegt am Engagement des Klubs. Jugendwart Oliver Schreiber legte sich etwa stark ins Zeug. Er ist „stolz auf das Geschaffte“ und hält die Heimspielstätte für einen „speziellen und besonderen Ort, der einzigartig ist“ – auch wenn die Instandhaltung viel Zeit auffrisst.

Schreiber hat zusammen mit anderen Freiwilligen für die insgesamt 199 Stehplätze gesorgt, die bisher immer alle besetzt waren, und für die Cafeteria. Der Glühwein kostet zwei Euro, der halbe Liter Bier ebenfalls, dazu gibt es selbstgebackenen Kuchen und kleine Snacks. Die Cafeteria ist so etwas wie das Herzstück des Vereins, sie ist Verköstigungs- und Vereinsheim zugleich. Pokale, Zeitungsschnipsel und Trikots erinnern an die Vergangenheit des Klubs. Schließlich ist ECC der Nachfolgeverein der insolvent gegangenen Berlin Capitals, die einst in der Deutschen Eishockey-Liga spielten.

Vip-Raum, Fanshop, Kraftraum – hier ist alles da, was ein Verein zum Leben braucht

Eichi hat die großen Zeiten der Preussen miterlebt. „Einmal Preusse, immer Preusse“, sagt er. Deshalb steht er jetzt im Flughafen direkt hinter der Bande auf dem rutschigen Holzplatten und schreit, meckert und lacht. Bei jedem Tor für seinen Klub klopft der Mann mit seiner rechten Hand kräftig gegen die Plexiglasscheibe. Fünf Mal an diesem Sonntagnachmittag. Eichi, der eigentlich Bernhard Eichmann heißt, trägt ein Trikot und eine Mütze, die mit unzähligen Pins bestickt ist. Von der Flughafenlösung hält er ebenso wenig wie von den Stehplatztribünen. Eichi sucht die Nähe zum Eis – und Eichi hätte lieber eine richtige Halle. „Das ist doch nichts Richtiges hier“, sagt er. „Es ist unübersichtlich. Und die Akustik erst.“

Dabei hat der Verein sein Möglichstes getan, damit sich die Fans im Flughafen auch wohlfühlen. In schwindelerregender Höhe haben sie Werbebanner und Fahnen aufgehängt und einen Vip-Raum eingerichtet. Dort, eine Etage über der Eisfläche hängt eine Leinwand, auf der das Spiel übertragen wird. Biertische stehen hier, über ihnen hängen Lampen in Klubfarben. Die Umgebung mag etwas sonderbar erscheinen, doch letztlich hat der ECC Preussen im Flughafen alles, was andere Eishockeyvereine auch haben: Vip-Bereich, Merchandising-Shop, Kraftraum, Lagerraum.

Die Eisfläche ist jedoch gewöhnungsbedürftig, sie hat lediglich Mindestmaße, was den Gegner schon so einige Mal verwirrt hat. „Sonst aber bekommen wir von den Vereinen nur positives Feedback“, sagt Jugendwart Oliver Schreiber. „Sie bekommen hier alles, was sie woanders auch bekommen.“ Nur die Trommeln sind noch lauter.

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