Flugzeugabsturz in Russland : Eine Tragödie für den Sport

Bei einem Flugzeugabsturz in Russland sterben fast alle Eishockey-Profis von Lokomotive Jaroslawl – auch der deutsche Nationalspieler Robert Dietrich. Die Eishockeyszene reagiert mit großer Bestürzung.

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Von der verunglückten Maschine sind nur noch Bruchteile vorhanden.Alle Bilder anzeigen
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08.09.2011 09:35Von der verunglückten Maschine sind nur noch Bruchteile vorhanden.

Der russische Sport hat am Mittwoch die größte Tragödie seiner Geschichte erlebt. Fast alle Eishockeyprofis des dreimaligen russischen Meisters Lokomotive Jaroslawl starben bei einem Flugzeugabsturz. Sie waren in Jaroslawl, knapp 300 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, gegen 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit mit einer Chartermaschine gestartet. Sie wollten am Abend zu ihrem ersten Meisterschaftsspiel in der weißrussischen Hauptstadt Minsk antreten. Doch nach dem Start gewann das Flugzeug – eine Jak 42 – nur langsam an Höhe, begann zu trudeln und raste auf die Erde zu. Beim Aufprall – nur zwei Kilometer von der Rollbahn entfernt – zerbarst die Maschine in mehrere Teile, die sofort in Flammen aufgingen. Trümmer des Rumpfes stürzten in die Wolga. Mehr als 40 Menschen starben. Darunter war bis auf einen Spieler die gesamte Mannschaft von Lokomotive Jaroslawl, unter den Toten war auch der deutsche Nationalspieler Robert Dietrich.

Es gibt nur zwei Überlebende des Absturzes. Mit schweren Verletzungen liegen der russische Profi Alexander Galimow und ein Besatzungsmitglied seit gestern Nachmittag im Krankenhaus. Die anderen 36 Fluggäste und übrigen sieben Mitglieder der Crew sind tot. Als wahrscheinliche Unglücksursachen wurden von den russischen Behörden technische Mängel des Flugzeugs und Fehler der Crew genannt. Dass es sich um einen terroristischen Anschlag handelt, schlossen Experten in ersten Interviews in russischen Medien aus.

Der Eishockey-Klub Lokomotive Jaroslawl spielt in der Kontinentalen Eishockey Liga (KHL), die seit einigen Jahren versucht, Teams aus vielen europäischen Ländern zu gewinnen. In dieser Saison ist neben Klubs der ehemaligen Sowjetunion auch eine Mannschaft aus der Slowakei in der Liga. In der KHL werden für die Profis hohe Gehälter gezahlt, mehr Geld gibt es im Eishockey nur in der nordamerikanischen Profiliga NHL zu verdienen. Lokomotive Jaroslawl hatte elf ausländische Spieler im Kader, darunter war seit dieser Saison auch der 25 Jahre alte Robert Dietrich. Dietrich begann als Sohn kasachischer Eltern in Kaufbeuren schon mit fünf Jahren mit dem Eishockeyspielen. Der talentierte Verteidiger schaffte später den Sprung in die Deutsche Eishockey-Liga (DEL), in der er zuletzt bei Adler Mannheim unter Vertrag stand. Erst im Juni war Dietrich nach Jaroslawl gewechselt, die Russen hatten dem deutschen Nationalspieler ein lukratives Angebot gemacht. Im Nationalteam war Dietrich seit Jahren Stammspieler – zuletzt bei der Weltmeisterschaft im Mai in Bratislava.

Als großer Förderer des Verteidigers gilt Don Jackson. Der heutige Trainer der Eisbären Berlin betreute Dietrich in der Saison 2006/2007 in Düsseldorf. „Robert war ein Mensch mit sehr viel Humor, im Spiel konnte er die Dinge gut beruhigen. Er hatte eine gute Übersicht, war ein intelligenter Profi“, sagte Jackson gestern dem Tagesspiegel. „Er war einer der besten Verteidiger, die ich in Deutschland je betreut habe.“ Unter den Toten der Jak 42 war auch Jaroslawls Cheftrainer Brad McCrimmon. Der Kanadier war in der Saison 2004/2005 Assistenztrainer bei den Frankfurt Lions in der Deutschen Eishockey-Liga. „Brad war ein Urgestein, hat Eishockey gelebt“, erinnert sich Jackson.

Bei dem Absturz starben auch die bekannten Eishockeyprofis Josef Vasicek aus Tschechien und der Slowake Pavol Demitra. Die Nachricht vom Absturz wurde in der Eishockeyszene mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. „Das ist der schwärzeste Tag in der Geschichte unseres Sports“, sagte René Fasel, Präsident des Weltverbandes. Der ehemalige Bundestrainer Uwe Krupp sagte: „Ich finde dafür einfach keine Worte. Meine Gedanken sind bei seiner Familie.“

Die Katastrophe von Jaroslawl erinnert ein wenig an das Drama um Manchester United am 6. Februar 1958: Acht Fußballprofis des englischen Spitzenklubs starben damals bei einem missglückten Startversuch auf dem Flughafen München-Riem während eines Schneesturms. Manchester spielte damals trotzdem weiter in der Saison. Wie es nun im russischen Eishockey weitergeht, ist ungewiss. Die russische Eishockey-Föderation plant eine Krisensitzung in Jaroslawl, sagte deren Präsident Wladislaw Tretjak.

In Russland sorgte die Tragödie für Trauer und Verzweiflung. Das Eröffnungsspiel der KHL zwischen Titelverteidiger Ufa und dem Vorjahreszweiten Mytischtschi wurde nach 14 Minuten abgebrochen, auf den Rängen beweinten Fans die Katastrophe. Vor der Arena in Jaroslawl versammelten sich trauernde Menschen und legten Blumen nieder.

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