Sport : Förderprogramm Fußball

Polen und die Ukraine verbinden mit der EM wirtschaftliche Modernisierung und sportliche Entwicklung

Knut Krohn[Warschau]

Einen kurzen Moment jubelten in Kiew die verfeindeten Lager der Demonstranten plötzlich gemeinsam. Und für einen Augenblick schien es keine Anhänger des Präsidenten und keine Anhänger des Regierungschefs mehr zu geben – sondern nur noch Ukrainer. Kurz vor dem Mittag hatte auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew die Nachricht die Runde gemacht, dass Polen und die Ukraine die Fußball-Europameisterschaft 2012 austragen werden. „Ich bin überzeugt, dass die Ukraine und Polen den hohen Erwartungen gerecht werden“, sagte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko, der mit einer prominenten Delegation in die City-Hall nach Cardiff gereist war.

Polen und Ukrainer hatten sich unter dem Motto „Let’s play together“ über Monate mächtig ins Zeug gelegt, um die Funktionäre der Europäischen Fußballunion Uefa auf ihre Seite zu ziehen. Zum Finale waren sie mit einem Staraufgebot gekommen. Neben den beiden Staatspräsidenten Juschtschenko und Lech Kaczynski (Polen) waren die Fußballstars Andrej Schewtschenko für die Ukraine und Jerzy Dudek für Polen dabei. Selbst der frühere Stabhochsprung-Weltrekordler Sergej Bubka und der frühere Box-Weltmeister Witali Klitschko hatten sich auf den Weg gemacht, um ihr Land zu repräsentieren. Es wird das erste Mal seit der EM 1976 in Jugoslawien sein, dass das Turnier im Osten Europas ausgetragen wird.

Polen und die Ukraine erhielten acht Stimmen, Italien vier. Bis zuletzt hatten die Mitbewerber aus Italien an ihren Sieg geglaubt. Doch den lange Zeit favorisierten Italienern wurde der Skandal um Manipulationen von Spielen und die ausufernde Gewalt der Fußballfans zum Verhängnis. Keine Rolle spielte die gemeinsame Kandidatur von Kroatien und Ungarn. Die beiden Länder schienen nie wirklich Interesse an der EM gezeigt zu haben, was ihnen von den Funktionären der Uefa schwer angekreidet wurde. Sie bekamen keine einzige Stimme.

Doch auch bei der Bewerbung von Polen und der Ukraine mussten die zwölf Mitglieder des Uefa-Exekutivkomitees mehr als nur ein Auge zudrücken. In der Ukraine tobt seit Wochen ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten Juschtschenko und Regierungschef Viktor Janukowitsch, der das Land politisch tief spaltet. Witali Klitschko hatte eine ganz eigene Interpretation der Lage und erklärte, weshalb die Krise eigentlich gar nicht wirklich wichtig sei. „Die Ukraine ist eine junge Demokratie, da kann es so eine unsichere Lage geben. 2012 ist das vergessen“, sagte der Boxer. Oder wie es die polnische Fußball-Legende Zbigniew Boniek sehr einfach auf den Punkt bringt: „Bis 2012 sind die Hauptfiguren in diesem Machtpoker längst Geschichte.“

Als Spielorte sind in der Ukraine Donezk, Kiew, Dnepropetrowsk und Lwiw vorgesehen, in Polen Danzig, Warschau, Breslau, Posen. Diese EM ist keine der kurzen Wege: Die Distanz zwischen Danzig und Dnepropetrowsk beträgt 1600 Kilometer. Diese Strecken zu überwinden, ist heute bisweilen ein Problem. Doch es sollen sechs Milliarden Euro in den kommenden Jahren allein in der Ukraine investiert werden. 4700 Kilometer Straßen sollen ebenso gebaut werden wie 200 Hotels. Für die Modernisierung der ukrainischen Flughäfen sind 70 Millionen Euro eingeplant. Und natürlich werden auch die Stadien auf „europäisches Niveau“ gebracht werden, wie der ukrainische Sportminister Viktor Korsch sagte. Geplant ist in Donezk eine hochmoderne Sportarena. Und die Polen wollen nicht nachstehen. In Danzig wird gerade die 40 000 Zuschauer fassende „Baltic Arena“ geplant, weitere Neu- bzw. Umbauten sollen an den anderen Standorten entstehen.

Ein großes Problem der Polen sind die in ganz Europa gefürchteten Hooligans. Laut der deutschen Gewerkschaft der Polizei ist bei ihnen das Gewaltpotenzial extrem hoch. Außerdem sei rechtsextremes Gedankengut weit verbreitet. Doch Polen hat immer wieder gesagt, dass man trotz aller Probleme eine Chance haben wolle. „Wir haben es in Osteuropa verdient, dass so ein Ereignis mal zu uns kommt“, sagte Verbandspräsident Michal Listkiewicz. „Wir hatten in den vergangenen Jahren nicht die Möglichkeit, den Fußball so voranzubringen wie andere Länder. Dieser Zuschlag wird uns nun aber die Möglichkeit dazu geben.“

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