Sport : Folge 5: der Abstecher nach Italien - Als keiner Lothar mehr lieb hatte

Armin Lehmann

Anfang dieses Jahres, derzeitiger Stand 8. März, verlässt Lothar Matthäus das Land. Nach 20 Jahren Wirkens auf Deutschlands Fußballfeldern ist alle Häme vergossen. Wir wollen noch einmal auf das Gesamtwerk des Mannes zurückkommen, der es vom fränkischen Raumausstatter zum Krösus fußballerischen Schaffens gebracht hat: in Herzogenaurach, Mönchengladbach, Bayern, Italien und, wenn der Fußball-Gott denn will, demnächst auch in den USA. Eine Erinnerung in noch nicht absehbar vielen Folgen.

Es war eine ernsthafte Krise. Das Böse war gekommen. Der FC Bayern verlor 1987 das Finale im Europapokal der Landesmeister gegen den FC Porto mit 1:2. Lothar Matthäus, hieß es, habe einmal mehr im entscheidenden Moment versagt. Verletzungspech folgte und eine unglückliche Saison beim FC Bayern, der den Lothar nicht mehr lieb hatte. Unzählige Dementis leiteten schließlich das Italien-Abenteuer ein. Matthäus selbst schwieg bis zum offiziellen Vollzug, was das Erstaunlichste an diesem Wechsel war und die "Welt" veranlasste, dies unbedingt als "einmaligen Vorfall" notieren zu müssen.

In München traten sie ihrem untreuen Star kräftig nach. Erst wurde Manager Uli Hoeneß klar, dass er es mit Matthäus "nicht gerade mit einer ausgereiften Persönlichkeit" zu tun gehabt habe. Und Paul Breitner stellte fest: "Matthäus stagniert seit vier Jahren in seiner Leistung, es ist das Beste, sich zu trennen." Und so siedelte Matthäus mit Frau Silvia und Tochter Alisa nach Mailand über, wo ihn das italienische Fachblatt "Tuttosport" mit der Erkenntnis empfing, Matthäus sei "körperlich fertig".

In der Mailänder Mannschaft schrillen die Sirenen. Stars wie Torhüter Walter Zenga warnen den Mann mit Schuhgröße 40, er solle nur nicht den Chef spielen wollen. Vielleicht will Matthäus das auch gar nicht. Nur Trainer Giovanni Trapattoni sieht das ganz anders. Er braucht einen, der sich zerreißt, der das Team führt und nach vorne peitscht. Einen Chef eben. Und ein Chef wird gemacht. Das geschieht so: Trapattoni fragt Matthäus, welche Rückennummer er haben wolle. Matthäus: "Die acht." Trapattoni: "Aber du musst Verantwortung übernehmen." Und so trägt Matthäus fortan die zehn. Wie früher Pelé, Netzer oder di Stefano.

Das Böse verschwindet. Langsam zwar, aber kontinuierlich. Mit Brehme und Klinsmann wird Matthäus Meister mit Inter Mailand, bald verstummt jede Kritik. In Italien wird Matthäus 1990 mit Deutschland Weltmeister, er wird auch Weltsportler des Jahres 1990 und kaufte sich für die vielen Ehrungen für 3500 Mark einen Smoking von Versace "und dazu noch sauteure Schuhe". Während Lothar von Erfolg zu Erfolg eilt, kommt er ganz nebenbei noch zu einer ernüchternden Einsicht: Seine Ehe sei nicht mehr das, was er sich vorstelle. Frau Silvia zieht mit den mittlerweile beiden Töchtern aus der Villa bei Como aus, und Lothar findet Lolita. Die Fernsehmoderatorin Lolita Morena, philosphiert Matthäus, sei das, was er sich immer gewünscht habe. "Von dieser Beziehung kann ich mir vorstellen, dass sie auch den Rest des Lebens übersteht." Lolita schenkt Lothar zwar noch Sohn Loris, aber diese zweite Ehe schafft ebenso wenig wie die erste den Sprung in die Ewigkeit. 1999 wird sie geschieden.

Matthäus demonstriert fortan besondere Geschäftsqualitäten, öffentlichkeitswirksam erhöht er in Verhandlungen mit dem Inter-Klubchef Pellegrini ("Pronto, Herr Pellegrini") sein Jahresnettogehalt um eine Million Mark, indem er ankündigt, er wolle "auf jeden Fall" zu Real Madrid wechseln. Schließlich leitet eine neue Verletzung das Ende des Italien-Abenteuers ein. Im April 1992 zieht sich Matthäus einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu. "Ich muss jetzt feststellen", klagt er, "wie schnell man abgehakt ist". Weinerlich fügt er hinzu: "Und wenn du verletzt bist, bist du nicht einmal mehr das fünfte Rad am Wagen, sondern ganz, ganz weit weg."

Nur die alte Heimat ist nicht so fern. Und so macht sich wie bereits 1988 eine Münchner Delegation nach Mailand auf. Am 25. August 1992 melden die Vereine Vollzug. Der FC Bayern hat Lothar wieder lieb.Nächsten Dienstag: Die sensationellen WM-Tore gegen Jugoslawien

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben