Sport : Folge 5: Der Fehlschuss gegen die Bayern

Karsten Doneck

Anfang dieses Jahres, derzeitiger Stand 8. März, verlässt Lothar Matthäus das Land. Nach 20 Jahren Wirkens auf Deutschlands Fußballfeldern ist alle Häme vergossen. Wir wollen noch einmal auf das Gesamtwerk des Mannes zurückkommen, der es vom fränkischen Raumausstatter zum Krösus fußballerischen Schaffens gebracht hat: in Herzogenaurach, Mönchengladbach, Bayern, Italien und, wenn der Fußball-Gott denn will, demnächst auch in den USA. Eine Erinnerung in noch nicht absehbar vielen Folgen.

Wo der Schuss hin sollte, das deutete die Flugbahn des Balles vage an. Ins rechte obere Eck. Dorthin also, wo selbst bei einem Klassetorwart wie Jean-Marie Pfaff den Abwehrmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind. Gut gedacht, schlecht gemacht: Dem Elfmeterschützen Lothar Matthäus unterlief ein Fehler, vor dem selbst Fußballtrainer in der C-Klasse gebetsmühlenartig warnen. "Der geriet irgendwie in Rücklage", erinnert sich der zu diesem Zeitpunkt längst ausgewechselte Mannschaftskollege Winfried Schäfer. Der Ball flog weit über das Tor.

Borussia Mönchengladbach verlor am 31. Mai 1984 das DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern mit 6:7 im Elfmeterschießen. 1:1 hatte es nach regulärer Spielzeit und 30-minütiger Mehrarbeit in der Verlängerung gestanden. Dass auf der politischen Bühne die IG Metall mit ihrem Boss Mayr in jenen Tagen heftig um eine Arbeitszeitverkürzung stritt, scherte die Fußballprofis im Frankfurter Waldstadion wenig.

Matthäus leistete sich seinen Fehlschuss gleich zum Auftakt des Elfmeterschießens. Und spürte danach den ungezügelten Zorn der Gladbacher Fans. "Judas!" riefen sie dem Mann mit der Trikotnummer sechs zu. Lothar Matthäus - ein Verräter? Ausgelöst wurden solche Spekulationen dadurch, dass Matthäus, wie schon längere Zeit feststand, nach der Saison vom Bökelberg herabsteigen würde, um beim FC Bayern neuen Höhen entgegen zu treiben. Die Münchner ließen sich die Verpflichtung 2,27 Millionen Mark Ablöse kosten. Das war damals Bundesliga-Rekord. Matthäus hatte vor dem Endspiel noch versucht, Zweifel an seiner Loyalität zu zerstreuen: "In Frankfurt kämpfe ich nur für Gladbach." Hinterher spracht er zerknirscht vom "Tiefpunkt in meiner Laufbahn".

Fernab in Washington hielten Ende Mai 1984 die 16 Außenminister der Nato-Staaten mit US-Präsident Ronald Reagen als Gastgeber ihre Frühjahrstagung ab. Die Sowjetunion wurde aufgerufen, wieder in Verhandlungen über die Begrenzung der Kernwaffenrüstung einzutreten. Frostig wie das politische Weltklima war auch die Stimmung zwischen Gladbacher Borussen und Münchner Bayern. Das waren längst keine normalen Vergleiche auf grünem Rasen mehr. Anfang der 80er Jahre zementierte sich eine Machtverschiebung im deutschen Fußball. Gladbach, erfolgsverwöhnt und 1977 letztmals Deutscher Meister, sah die Münchner Bayern unaufhaltsam aufholen und an sich vorbeiziehen. Weiß (Gladbach) gegen Rot (Bayern) - da prallten Fußballsysteme aufeinander. Hier schwungvoller Angriffsfußball, dort nüchterner Erfolgskick. Und dann dieser Lothar Matthäus als Wandler zwischen den beiden Fußball-Polen: Verbaut der Borussia den Triumph und macht sich dann aus dem Staube, ausgerechnet auch noch zum Erzfeind.

Mancher Mönchengladbacher Fan mag späte Genugtuung erfahren haben. 15 Jahre später, da passierte Lothar Matthäus sein Missgeschick von damals erneut. Wieder im DFB-Pokalfinale, wieder im Elfmeterschießen, diesmal am 12. Juni 1999 in Berlin gegen Werder Bremen. Matthäus scheitert, Werder gewinnt den Pokal. Der Unterschied zu damals: Matthäus schoss nicht den ersten, sondern den letzten Elfmeter. Und noch ein Unterschied: Nach Bremen ist er hinterher nicht abgewandert.Nächsten Dienstag: Lothar, Lolita, Italia.

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