Sport : Folge 8: Die Rückkehr zum FC Bayern

Hanns Martin

In diesem Frühjahr, derzeitiger Stand 8. März, verlässt Lothar Matthäus das Land. Nach 20 Jahren Wirkens auf Deutschlands Fußballfeldern ist alle Häme vergossen. Wir wollen noch einmal auf das Gesamtwerk des Mannes zurückkommen, der es vom fränkischen Raumausstatter zum Krösus fußballerischen Schaffens gebracht hat: in Herzogenaurach, Mönchengladbach, Bayern, Italien und, wenn der Fußball-Gott denn will, demnächst auch in den USA. Eine Erinnerung in noch nicht absehbar vielen Folgen.

Am 25. August 1992 kam der Messias über München. Zumindest dürfte der nicht anders begrüßt werden. Am 25. August 1992 kam Lothar Matthäus heim ins Olympiastadion, ausgelöst gegen vier Millionen Mark bei Inter Mailand und ausgestattet mit allen nur erdenklichen Ehrentiteln. Deutscher und Europas Fußballer des Jahres war er zwei Jahre zuvor geworden, ebenso Weltfußballer und Weltsportler (was vor ihm nur die legendären Pelé und Maradona geschafft hatten). Ein Star mithin, den der FC Bayern nach einer verkorksten Saison auch dringend nötig hatte. Ein Meister des Balls, aber leider auch des Ballyhoos, Beherrscher des Rasens, dummerweise jedoch auch der unablässigen Rede. Letztere Attribute zerkratzten den Glanz seines Comebacks doch arg.

Zunächst aber war herrliches Wetter, als Matthäus in Zivil und Begleitung von Lebensgefährtin Lolita Morena (ein Name, der Programm war; doch dazu später) Einzug hielt in die bayerische Hauptstadt. So viel musste er winken, dass keine Hand mehr frei war, um auch noch Söhnchen Loris zu halten. Das übernahm dann Münchens Großfleischer Houdek, der mit ausgestreckten Armen den hochgeborenen Nachkommen im Rund präsentierte. Alle wollten Matthäus, das Fernsehen, das Radio, die Zeitungen und eben die Houdeks und alle anderen Schick-Michels der Münchner Gesellschaft.

Doch leider, der Messias humpelte. Im April hatte sich Matthäus einen Kreuzbandriss zugezogen. Einen Monat dauerte es, bis Trainer Erich Ribbeck, schon damals nicht eben die Koryphäe der Branche, Matthäus als seinen Häuptling, wie Ribbeck das nannte, einsetzen durfte. Viel zu früh, wie tatsächlich Fachleute damals diagnostizierten. Denn der fränkische Winnetou war unpässlich, und in der Folge stolperte sein Stamm der Bajuwaren, wiewohl doch mit 10:0 Punkten fulminant in die Saison gestartet, reichlich kopflos durch die Liga. Am Ende sprang nur Platz zwei für die Bayern aus der Meisterschaft - fein für jeden anderen Klub, ein mittelschweres Desaster an der Isar. Und nicht nur das.

Auch auf anderem Terrain reüssierte Matthäus nicht wie geplant. Die Rückkehr nach Deutschland, sie war ja auch als erste Offensive auf gesellschaftliche Anerkennung außerhalb des Fußballberitts gedacht. Monatelang präsentierte sich Lo-Lo-Lo, Lothar-Lolita-Loris, das vermeintliche Traumtrio, vor allen Kameras der Republik. Dann dilettierte Gefährtin Lolita in einer TV-Show namens Babys Bester, und Lothar, kurz zuvor zum Anchorman der Goodwill-Aktion "Mein Freund ist Ausländer" ernannt, entgleiste auf dem Oktoberfest.

Es war damals die Zeit, als sich große Teile der Bevölkerung gegen Rassismus und Intoleranz auflehnten, wobei auch der DFB und eben auch Matthäus nicht hintanstehen wollten. Offiziell. Inoffiziell blaffte Multikulti-Matthäus auf der Wiesn einen Holländer an: "Dich haben sie wohl beim Adolf vergessen." Und weil er kurz darauf vermeinte, eine Berliner Basketballgruppe auf die körperlichen Vorzüge von Mittelstürmer Valencia hinweisen zu müssen ("Unser Schwarzer hat so einen Langen"), war es erst mal nichts mit der gesellschaftlichen Anerkennung. Auf dem Spielfeld hatte er sich da allerdings längst wieder Respekt verschafft.

Fünf Spieltage hielt die Kritik an ihm an, besser an Ribbeck und dessen vorzeitigem Einsatzbefehl. Dann musste der FC Bayern München in Leverkusen spielen, und Mehmet Scholl trat eine Ecke. Es war wohl eine Art Befreiungsschlag, als Matthäus, etwa 18 Meter vor dem gegnerischen Tor stehend, den Ball volley aus der Luft nahm und ihn mit Wucht in den Winkel drosch. Ein Befreiungsschlag mit den besten Mitteln, die Lothar Matthäus zur Verfügung hat, den fußballerischen. Die anderen, die für den Einstieg in die Society, die sucht er noch heute.Nächsten Dienstag: Skandale und Skandälchen

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