Sport : Folgeschäden inklusive

Frank Bachner

Der Teamchef geht den einfachsten Weg, er erklärt seinen Nationalverteidiger Marko Rehmer schlicht zur medizinischen Besonderheit. "Marko hat ein gutes Heilfleisch", sagt Rudi Völler. Sagen will er damit, dass er den Nationalverteidiger möglichst bald wieder einsetzen will, schließlich beginnt am 31. Mai die Fußball-Weltmeisterschaft. Kein Problem, signalisiert Dieter Hoeneß, der Manager von Rehmers Klub Hertha BSC. Der Verteidiger hat zwar einen Außenbandriss und einen Kapselriss im Sprunggelenk, er muss knapp drei Wochen lang Gips tragen, und der Arzt, der Rehmer operierte, sagte der "BZ": "Es sah aus wie nach einem Kettensägenmassaker." Aber "er erhält einen Spezialschuh und kann in sechseinhalb Wochen wieder spielen", sagt Hoeneß. Sechseinhalb Wochen Pause nur - "das ist sehr kurz", sagt ein Spitzen-Orthopäde aus Berlin, der früher auch Fußball-Profis betreute, aber seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte. "Wenn er diese Verletzung richtig ausheilen will, fällt er zehn Wochen aus. Spielt er früher, ist das Risiko groß, dass er ständig überdehnt."

Aber sie steigen doch alle früher ein, die Fußball-Profis. Vier Wochen Pause nach einem Bänderriss, das ist nicht selten. Nur: Wie geht das? "Den Heilungsprozess kann man nicht beschleunigen", sagt der Orthopäde, "man kann nur das Risiko verringern." Das Risiko wird mit harten Tapeverbänden gemindert. Das Band oder das Knie wird so eng mit einem Klebeband verbunden, dass schmerzhafte Bewegungen vermieden werden. Mehr kann auch ein Spitzenarzt wie Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nicht machen. Müller-Wohlfahrt betreut die Bayern-Profis und die Nationalmannschaft. Rehmer fällt damit in seinen Bereich.

Die Schmerzen kommen dafür später, bei den Folgeschäden. Keiner kann schließlich seinen Körper überlisten. Die Folgeschäden sind dauerhafte Destabilisierung des Bewegungsapparats. Wer seine Bänder häufig tapen lässt, riskiert, dass er ständig seinen Fuß überdehnt, wer Knieverletzungen nicht richtig ausheilt, muss mit Arthrose rechnen. "Die gehen in einem Zustand auf den Platz, in dem würden Normalsterbliche nicht mal ihre Frau zum Einkaufen begleiten Es ist doch nicht normal, dass 30-Jährige nicht mehr gerade laufen können" sagt der Top-Arzt. Er hatte mal den Hertha-Stürmer Axel Kruse behandelt. Dessen Bänder waren so kaputt, dass er zum Schluß ohne Tape gar nicht mehr laufen konnte. Und als mal der Hertha-Verteidiger Uwe Kliemann seine Knie bewegte, da glaubte sein behandelnder Arzt, "dass eine Schranktür knarrt".

Aber es geht um Millionen, da ist Gesundheit ein relatives Gut. Ein Orthopäde, der mal für Tennis Borussia arbeitete, soll intern über den Druck geklagt haben, den die Klubführung auf die Ärzte ausübte. Oft müssen sie das aber gar nicht die Funktionäre. Die Spieler nehmen ihnen diese Arbeit ab.

Doch so ein Klebeverband, sagt der Orthopäde, das hat ja auch einen Vorteil. "Es ist gut für das Konto des Spielers."

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