Sport : Football: Nur Gott kennt den Sieger

Christian Hönicke

Es kommt selten vor, dass Experten ratlos sind. Bevor heute wieder das schweinslederne Ei durch die Stadien der National Football League (NFL) fliegt, konnten selbst die statistikverliebten und prognosefreudigen Amerikaner keinen Favoriten ausmachen. Es wird eine Saison voller Überraschungen, eventuell mit einem Sieger, den vorher niemand auf der Rechnung hatte.

Nichts Neues im Vergleich zur vorigen Saison also, als die Baltimore Ravens völlig überraschend das Endspiel, den Super Bowl, gewannen. Dabei hätten noch kurz vor dem Triumph selbst Fans der Raben aus der Geburtsstadt Edgar Allen Poes arge Probleme damit gehabt, die Spieler ihrer Mannschaft beim Namen zu nennen. Mit einer unglaublich starken Abwehr kompensierte Baltimore seinen unterdurchschnittlichen Angriff, frei nach dem amerikanischen Motto: Der Angriff gewinnt Spiele, die Verteidigung gewinnt Meisterschaften. Und weil der Champion in der Saisonvorbereitung glänzte, war man sich in Expertenkreisen einig, dass die Ravens auch dieses Mal im Endspiel stehen würden. Zumindest bis sich Jamal Lewis, Baltimores wichtigster Ballträger, so schwer verletzte, dass er für die gesamte Saison ausfallen wird. Danach stand nur eine Frage im Raum: Wer soll denn jetzt überhaupt noch Touchdowns für die Ravens erzielen?

Vielleicht der neue Quarterback Elvis Grbac. Doch er wird es in Ermangelung guter Passempfänger schwer haben, seine Spielmacherqualitäten zur Geltung zu bringen. Er gehört zur alten Garde der Quarterbacks, die den Ball hervorragend werfen können, aber viel zu unbeweglich sind, um die gegnerischen Defenses mit eigenen Läufen unter Druck zu setzen. Diese Fähigkeiten werden in der NFL mehr und mehr von einem Spielgestalter erwartet. Daunte Culpepper von den Minnesota Vikings, Donovan McNabb aus Philadelphia oder der in Pittsburgh spielende Kordell Stewart repräsentieren die neue Generation der NFL-Quarterbacks. Athletisch, lauffreudig - und schwarz.

Ein NFL-Team mit einem schwarzen Quarterback, das war vor zehn Jahren unvorstellbar. Obwohl mehr als zwei Drittel der Spieler afroamerikanisch sind, "existiert noch immer ein Stigma, dass Schwarze mit komplexen Offenses nicht zurechtkommen", wie der ehemalige Dallas Cowboys-Coach Jimmy Johnson einmal zugab. Bei der von den NFL-Teams alljährlich in umgekehrter Reihenfolge der Abschlusstabelle durchgeführten Rekrutierung von Nachwuchsspielern, dem so genannten College-Draft, wurde 1994 beispielsweise Charlie Ward, der beste Spieler seines Jahrgangs, in sieben Durchläufen von allen 30 Teams übergangen. "Er ist der verflucht beste Quarterback der gesamten Draft", ereiferte sich Star-Verteidiger Deion Sanders. "Aber er ist schwarz." Die NFL ist das Spiegelbild der tatsächlichen Zustände in den USA. Bei Mannschaftsbesprechungen sitzen auf der einen Seite die "Brothers", auf der anderen die "White Guys". Es gibt kaum Schwarze in verantwortlichen Positionen. Selbstredend, dass davon kaum etwas an die Öffentlichkeit dringt, schließlich gilt es, Flecken vom Image der Marke NFL fern zu halten.

Ganz so wie in den Zeiten der Rassentrennung sind die Zustände nicht mehr. 1963 mussten die Dallas Texans den Spielbetrieb einstellen, weil sich die Zuschauer nicht damit anfreunden konnten, dass die Leistungsträger ausnahmslos schwarze Spieler waren. Das wird den Dallas Cowboys anno 2001 aller Voraussicht nach nicht passieren, doch die Reaktionen auf Quincy Carter als schwarzen Nachfolger des Helden der neunziger Jahre und Liebling aller Schwiegermütter, Troy Aikman, werden gemeinhin mit Spannung erwartet.

NFL-Boss Paul Tagliabue freut sich auf "gigantische Kämpfe" um das Lederei. "Die Spannung ist grenzenlos", frohlockte der Commissioner der reichsten Liga der Welt. "Wer Champion wird, weiß nur Gott."

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