Sport : Football: Regisseur an der Kühlbox

Ingo Wolff

Endlich durfte Jörg Heckenbach einmal selbst Regie führen. Der Passempfänger von Berlin Thunder, der sonst geduldig auf die Würfe seines Quarterbacks Jonathan Quinn wartet, nahm nach dem Spiel zwei der kräftigesten Jungs seines Teams an die Hand und dirigierte sie zu dem großen Eisbottich, der sonst zur Kühlung der Getränke am Spielfeldrand steht. Außer sich vor Freude nach dem unerwarteten 34:25 (13:0, 7:14, 14:3, 0:8) gegen Frankfurt Galaxy schütteten die beiden den Inhalt des Gefäßes über den Kopf von Trainer Peter Vaas.

Der Headcoach blieb dabei aber so gelassen, wie so häufig nach Sieg oder Niederlage und lief seinen Mannen auf dem Feld entgegen, um sie zu beglückwünschen. Er hatte auch allen Grund dazu, denn das, was die Spieler von Thunder am fünften Spieltag der europäischen Footballliga NFL Europe gegen den einstigen Ligadominanten Frankfurt leisteten, war außergewöhnlich. Spielmacher Jonathan Quinn hatte sein Team mit präzisen Pässen früh deutlich in Führung gebracht und so den Weg für einen Rekord geebnet. Noch nie in der dreijährigen Geschichte hatten die Berliner mehr als 30 Punkte erzielt und noch nie waren sie Mitte der Saison so dicht an der Spitze. Mit nur einem Sieg Rückstand auf den Tabellenersten Barcelona spielen die Berliner in der kommenden Woche beim direkten Vergleich bei den Dragons sogar um die Tabellenspitze.

Zumindest wurde mit dem gewonnen Duell gegen Galaxy der Weg für den Einzug in den World Bowl, das Finale der NFL Europe, am 30. Juni in Amsterdam geebnet. Selbst Vaas sprach ungewohnt euphorisch von der großen Chance, die sich nun für Thunder eröffnet hat. Doch bei aller Freude schwingt ein wenig Wehmut mit. Gerade 9148 Fans wollten das Spiel um die deutsche Vorherrschaft im Football sehen. Jenes Duell, das den Zuschauerschnitt in den ersten beiden Jahren immer noch relativ dicht an die ohnehin zu hohen Erwartungen von 10 000 Zuschauern pro Spiel heranbrachte.

Das wirft die Frage auf, ob die Planung der NFL Europe - mit zwei Berliner Heimspielen gegen die beiden deutschen Konkurrenten in den entscheidenden Wochen der Fußball-Bundesliga - nicht deplaziert ist. Zumindest, wenn man eine neue Sportart etabliert. Da dient dann das regnerische Wetter und das bisherige Looser-Image, das Thunder selbst nach drei Siegen noch nicht nachhaltig abstreifen konnte, nicht als Erklärung. Sportlich ist der Erfolg keinesfalls zweitklassig. Die Spielmacherqualitäten von Jonathan Quinn werden immer überragender in der europäischen Liga, und die Klasse der Wide Receiver wird immer hervorstechender. Es ist nicht die Einzelleistung der Passempfänger, die überrascht, sondern die Konstanz aller Spieler. So waren es am Samstagabend erneut drei Spieler, die die Endzone erreichen konnten. Einer von ihnen ist Jörg Heckenbach, der so sechs Punkte beisteuerte - das geduldige Warten hat sich also gelohnt.

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