Footballspieler spaltet USA : Beten auf dem Spielfeld

Seitdem Footballspieler Tim Tebow im Stadion betend posiert, diskutiert Amerika, wie sehr man seine Religion zur Schau stellen darf - und staunt über die wundersamen Ergebnisses seines Teams.

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Tebowing im Original. Die Gebetspose von Tim Tebow hat in den USA einen eigenen Namen und eine eigene Internetseite. Foto: Reuters
Tebowing im Original. Die Gebetspose von Tim Tebow hat in den USA einen eigenen Namen und eine eigene Internetseite. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Tebowing funktioniert so: Man gehe runter auf ein Knie, stütze einen Arm auf den Oberschenkel des anderen Beines und senke den Kopf, bis die Stirn die eigene Faust berührt. Anschließend muss man kurz beten, „während jeder um einen herum etwas völlig anderes tut“. So wird Tebowing auf der Internetseite www.tebowing.com beschrieben.

Benannt ist diese Pose nach Tim Tebow, der als Footballspieler im Trikot der Denver Broncos gerade wahre Wundertaten vollbringt. Es sind aber nicht nur seine Leistungen auf dem Feld, die Tebow zum derzeit liebsten Gesprächsthema der sportinteressierten amerikanischen Öffentlichkeit machen. Die Nation diskutiert auch lebhaft darüber, in welchem Ausmaß ein Sportler seine Religiosität zur Schau stellen darf.

Tebow ist streng gläubig, er betet nicht nur vor und nach den Spielen in der National Football League (NFL), sondern auch währenddessen. Nach jeder Angriffsserie, wenn er das Feld mit seiner Offensive verlassen muss, geht er in die Knie und betet. Es kommt auch schon mal vor, dass sich die gegnerischen Spieler spontan den Gebetskreisen des Christen anschließen. So geschehen vor wenigen Wochen gegen die New York Jets. Nachdem sie sich zuvor 60 Minuten beharkt hatten, knieten Spieler beider Mannschaft in der Feldmitte und beteten mit Tebow.

Gegner werfen dem Quarterback vor, er vermarkte seine Religion, beten könne man auch zuhause. Tebowing ist inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden, Kinder und Erwachsene ahmen die Pose gleichermaßen begeistert nach. Tebow selbst gehört nun zu den bekanntesten Sportlern der Vereinigten Staaten. Beim American Football inszenieren sich die Spieler traditionell noch stärker als in anderen Sportarten, in Europa sind Szenen wie in Denver schwerer vorstellbar. Ähnlich religiös wie Tebow gaben sich Brasiliens Fußballer vor einigen Jahren, als sie ihre Hemden mit dem Schriftzug „Jesus liebt dich“ verzierten.

Religiöse Botschaften sind in der Fußball-Bundesliga mittlerweile verboten, in den USA gibt es jetzt eine „Tebow-Regel“. Als Tebow noch am College spielte, bemalte er sich vor Spielen die Wangenknochen mit Verweisen auf Bibelverse wie „Phil, 4,13“, Philipperbrief 4,13, in dem es heißt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ Später wurden Gesichtsbemalungen mit religiösen Inhalten beim Hochschul-Football verboten.

Tebows Liebe zu Gott ist auf seine Familie zurückzuführen, seine Eltern waren unter anderem als Missionare der Baptisten auf den Philippinen tätig. Dort wurde ihr Sohn auch vor 24 Jahren geboren. Die Tebows und ihre Geschichte kennt inzwischen jeder in den USA, vor allem die Mutter wurde bekannt, als sie sich vor zwei Jahren in einem Werbespot während der Halbzeitpause des Super Bowl gegen Abtreibung stark machte.

Auf dem Footballfeld hat es derzeit den Anschein, als würden Tebows Gebete tatsächlich erhört. Seit er für die Denver Broncos als Quarterback aufläuft, hat die Mannschaft sieben von acht Spielen gewonnen, davor lautete die Bilanz 1:4. Dank Tebow kann Denver nun zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder in die Play-offs einziehen. Auffällig an der Siegesserie ist vor allem, dass die Mannschaft jedes enge Spiel für sich entscheidet. Beinahe so, als wäre eine höhere Macht im Spiel. Am vergangenen Wochenende lagen die Broncos bis drei Sekunden vor Schluss 7:10 gegen die Chicago Bears zurück, ehe ein Field Goal aus 59 Yards Entfernung den Ausgleich brachte. Obwohl in Denver wegen der dünnen Höhenluft bessere Voraussetzungen für Kicks herrschen als anderswo, ist ein Treffer aus dieser Entfernung höchst selten. Normal gilt alles ab 45 Yards als schwierig. Im Oktober lagen die Broncos drei Minuten vor Ende 0:15 bei den Miami Dolphins zurück, im klubeigenen Internetforum fragte ein Kommentar Tebow, wo denn sein Gott nun sei. Der Quarterback drehte das Spiel noch und Denver gewann 18:15.

Andere nennen die knappen Siege einfach nur Glück. Selbst Denvers Sportdirektor John Elway, der bisher als letzter Quarterback mit den Broncos vor dreizehn Jahren den Super Bowl gewinnen konnte, gibt zu, „dass wir zuletzt auch Glück hatten“. Elway war es, der sich nach dem verpatzten Saisonstart der Broncos für Tebow stark machte und Stammquarterback Kyle Orton vor die Tür setzte. Dabei galt Tebow lange nicht als gut genug für den ganz großen Football. Obwohl 2007 als bester Collegespieler ausgezeichnet, schoben Kritiker seine Leistungen vor allem auf die starken Mitspieler und hielten ihm vor, nicht werfen zu können.

Tatsächlich gibt es in der NFL Spielmacher, die über einen präziseren Wurfarm verfügen, aber Tebow zeichnen andere Fähigkeiten aus. „Mit seiner positiven Energie lässt Tim alle glauben, dass etwas Gutes passieren kann“, sagte Elway kürzlich. Es heißt, wegen Tebow sei eine regelrechte College-Atmosphäre bei den Broncos eingezogen. Die Spieler unternehmen nun auch außerhalb des Feldes etwas miteinander, was den Teamgeist stärke.

Nicht nur die Mitspieler sind begeistert von Tebow. Skifahrerin Lindsey Vonn wurde dabei beobachtet, wie sie nach einem Rennen die Tebow-Pose machte. Vonn lässt sich gerade von ihrem Ehemann scheiden, aufkommende Liebesgerüchte um sie und Tebow verneinte Vonn sofort über Twitter: „Wir sind nur Freunde.“ Als Ehebrecher aufzutreten, würde auch gar nicht zu Tim Tebow passen. Zumindest nicht zu dem Bild, das Amerika von ihm bekommen hat.

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