Sport : Formel 1: Aerodynamisch umgefallen

Karin Sturm

Der Streit um den besten Aerodynamik-Ingenieur der Formel 1 wird immer heftiger. Jaguar besorgte sich vor einem Londoner Gericht eine einstweilige Verfügung, die es McLaren untersagt, Newey nach Ablauf seines Vertrages Ende Juli 2002 weiter zu beschäftigen. Jaguar beantragte diese Verfügung im Namen der Ford Motor Company - und damit ist klar: Das ist kein Konflikt unter zwei Formel-1-Teams, Jaguar und McLaren, sondern ein Konflikt der Konzerne: Ford gegen DaimlerChrysler.

Denn auch das sickerte durch: Jenes Papier, dass Newey am Dienstag vergangener Woche bei Jaguar unterschrieb und das Jaguar einen "rechtlich bindenden Vertrag" nennt, liegt inzwischen auch bei den Juristen von DaimlerChrysler. Und die sehen wohl einige Probleme auf McLaren-Mercedes zukommen, einer der Gründe, warum man in Stuttgart über die Entwicklung der Dinge kaum begeistert ist. Ein anderer Grund: Mercedes wurde von Partner McLaren offenbar nie rechtzeitig wahrheitsgemäß informiert. So erfuhr Mercedes-Sportchef Norbert Haug erst am Mittwoch - also nach Neweys Unterschrift - durch einen Anruf von Jaguar-Teamboss Niki Lauda von den Ereignissen.

Lauda bringt die Wichtigkeit von Newey auf den Punkt: "Um in der Formel 1 Erfolg zu haben, braucht man Michael Schumacher oder Adrian Newey." Newey, ein 42-jähriger Brite, der jetzt in dem Rampenlicht steht, das er eigentlich eher scheut, ist der unumstritten beste Aerodynamiker der Szene. Zu Beginn der 90-er Jahre verhalf Newey, der einen Universitätsabschluss Aeronautik und Astronautik vorweisen kann, zusammen mit Patrick Head Williams-Renault zur großen Dominanz und zu vier Fahrer- und fünf Konstrukteurs-WM-Titeln. Kaum wechselte er im Sommer 1997 zu McLaren-Mercedes, begann auch dort die Erfolgsserie mit den Fahrer-Titeln 98/99 für Mika Häkkinen und dem Konstrukteurs-WM-Titel 98. "Mit kleinen Änderungen hat er damals das Auto auf einen Schlag viel leichter fahrbar und schneller gemacht", staunten Mika Häkkinen und David Coulthard.

Kein Wunder, dass dieser Mann heiß begehrt ist. Als Bobby Rahal im Herbst bei Jaguar das Ruder übernahm, bestand eine seine ersten Aktionen darin, zu seinem alten Freund Newey Kontakt aufzunehmen. Und er schien Erfolg zu haben, bis er sich nun von seinem Freund auch "persönlich enttäuscht" fühlt. Trotzdem will er eine Zusammenarbeit nicht ausschließen, sollte sich Jaguar durchsetzen: "Wenn sich in zwölf Stunden so viel drehen kann, dann warten wir mal ab, was sich in 14 Monaten drehen kann."

Die Vorwürfe von Rahal, McLaren-Chef Ron Dennis habe "bewusst mit Newey noch einmal einen zweiten Vertrag unterschrieben, obwohl er gewusst hat, dass wir ihn bereits verpflichtet hatten", konterte McLaren mit einer schriftlichen Erklärung, man habe nie gewusst, dass es zwischen Jaguar und Newey bereits einen Vertrag gebe. Was die Zyniker der Formel-1-Szene bereits zu der Schlussfolgerung brachte: "Also, entweder weiß das Genie Newey nicht, was es unterschreibt - oder er hat bewusst gelogen." Fest steht aber auch: Jaguar veröffentlichte am Freitag die Verpflichtung Neweys, obwohl man am Donnerstagabend von dessen Umfaller informiert wurde.

Warum Newey, der schon Wochen und Monate von der "Suche nach einer neuen Herausforderung" sprach, noch einmal eine Kehrtwendung machte, ist das große Rätsel in der Formel 1: Will er nur noch einmal mehr Geld von McLaren? Oder die Zusicherung von Ron Dennis, sich ab 2003 auch mit anderen Projekten außerhalb der Formel 1 beschäftigen zu können? Newey hatte schon öfter angedeutet, dass er sich durch das "immer strengere Reglement der Formel 1" eingeschränkt fühle, dass ihm auch die immer stärkere Betonung der Motoren- und Elektronik-Seite gegenüber der Aerodynamik überhaupt nicht gefalle.

Und bei McLaren lockt angeblich ein anderes Zukunftsprojekt: Der Bau einer Segeljacht für den Admiralscup. Aber McLaren-Kenner wollen wissen, dass sogar auf sehr persönlicher Ebene "Überzeugungsarbeit" geleistet wurde. Dass Neweys Ehefrau Marygold großen Einfluss auf ihren Mann hat, ist bekannt. Auch, dass sie mit den Gattinnen von Ron Dennis und Mario Illien gut befreundet ist und möglicherweise so Neweys Pläne beeinflusst worden sind.

Die Strategie von Ron Dennis dürfte sein: Wenn Newey keinen McLaren mehr baut - auf keinen Fall darf er dann ein Formel-1-Auto für die Konkurrenz bauen. Die Frage ist nur: Wie löst sich der Schlamassel wieder auf? Vielleicht durch Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert im direkten Kontakt mit seinem alten Freund und Jaguar-Kollegen Wolfgang Reitzle.

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