Sport : Formel 1: Angst vor Fragen

Karin Sturm

Es gibt Augenblicke, da hassen es auch Journalisten, Fragen stellen zu müssen. Oder auch nur die Vorstellung davon nervt sie bereits. Der Moment, in dem Heinz-Harald Frentzen ins Fahrerlager von Indianapolis kam, ist so einer gewesen. Da wünscht man sich, es so halten zu können wie die, die ihn einfach nur ein wenig herzlicher als normal begrüßen: von Mercedes-Sportchef Norbert Haug über Bernie Ecclestones "rechte Hand" im Fahrerlager, Pasquale Lattanedu, bis hin zu Ex-Formel-1-Pilot und RTL-Kommentator Christian Danner. Das bedeutet moralische Unterstützung, ein kleines Zeichen von Solidarität für einen, der die Schattenseiten seines Sport zuletzt in Monza hautnah und bitter erfahren musste. Dem entgegen steht der Zwang, ihn zu drängen, das eigentlich Unfassbare aus der Tiefe der Seele in Worte zu fassen.

In Indianapolis ist sogar Heinz Frentzen, der Vater, zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder bei einem Rennen dabei. Spontan hatte ihn sein Sohn gebeten, ihn zum Grand Prix zu begleiten, weil er ihm vertraut, weil er zu ihm schon immer ein sehr enges Verhältnis hatte. Gemeinsam waren die beiden in den letzten Tagen in Chicago, wo Heinz-Harald Frentzen sich einer Untersuchung für seinen Flugschein unterzog, den er im Winter machen möchte. In Wichita hielten sie sich ebenfalls auf, um das Innendesign des neuen Learjets auszusuchen, den er vor einiger Zeit bestellt hat. So bedeutete Heinz-Harald Frentzens langer Weg zum drittletzten Grand Prix der WM-Saison auch ein bisschen Flucht vor der Vergangenheit, vor den Erinnerungen an Monza, an die Startkollision mit tödlichen Folgen für den Streckenposten Paolo Ghislimberti.

In Indianapolis musste er sich doch den Fragen stellen. Ein Journalist formuliert sie für alle, denn das schwierige Thema kann nicht übergangen werden. Auch wenn jedem klar ist, dass Frentzen lieber nicht groß darüber reden möchte. Es war ihm ohnehin klar, dass die Fragen nach der ihm zugesprochenen Mitschuld an diesem schrecklichen Unfall kommen würden. Bei aller Professionalität in dieser Situation, Frentzens natürliche Sensibilität findet in seinen Worten den gleichen überzeugenden Widerhall wie in seinem Verhalten nach der Tragödie vor knapp zwei Wochen. "Es war eine sehr schlimme Zeit für mich. Ich habe mich schon schwer getan, emotional mit dem fertig zu werden, was da passiert ist", gibt er zu. "Ich möchte jetzt auch gar nicht mehr über Schuldfragen reden. Wir alle wissen doch, dass wir einen gefährlichen Sport betreiben, und hin und wieder werden wir brutal daran erinnert. Die einzige Konsequenz, die man daraus ziehen kann, ist, weiter entschlossen für die Sicherheit in allen Bereichen der Formel 1 zu kämpfen."

Dass er bei der Beerdigung von Ghislimberti war, wurde in der Formel-1-Szene mit Hochachtung registriert. Für Frentzen selbst war es eine Entscheidung, die er ganz allein traf, ein sehr wichtiger Schritt, "um meinen Respekt den Menschen gegenüber zu zeigen, die ihr Leben für uns einsetzen, die immer für uns da sind - und damit zu signalisieren, dass wir auch für sie da sind. Deswegen habe ich auch den Angehörigen mein Beileid ausgesprochen."

Wenn Frentzen an Monza und die Tage danach denkt, dann legt sich immer noch ein Schatten über seine Augen, geht sein Blick ins Leere. Doch sobald er über die Strecke in Indianapolis redet, die Herausforderung der Steilkurve, die besondere Atmosphäre an dieser Kultstrecke in den USA, verändern sich Ausdruck, Haltung, Gestik. Sicherheit, Routine und Normalität kehren bei ihm zurück. Nicht umsonst ist sein Teamchef Eddie Jordan von ihm überzeugt: "Heinz-Harald ist mental stark genug, um das alles wegzuschieben, zu vergessen, wenn er im Auto sitzt und sich auf seine Arbeit konzentriert." Danach gefragt, ob es so ist, hat Frentzen keiner. Allein die Frage würde ja schon Zweifel beinhalten, die Abweichung von der Normalität geradezu herbeireden. Und das braucht Heinz-Harald Frentzen momentan am wenigsten.

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