Formel 1 : Auf den Spuren des großen Bären

Ross Brawns Autos fahren mal wieder an der Spitze der Formel 1. Ist der Brite ein Genie – oder doch nur ein Scharlatan?

Karin Sturm[Kuala Lumpur]
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Im Kreise seiner Jünger. Ross Brawns Piloten Jenson Button und Rubens Barrichello (v.r.) dominieren derzeit die Formel 1. Foto:...

Wenn es derzeit einen Helden gibt in der Formel 1, dann heißt er Ross Brawn. Es liest sich so schön: Der Teamchef führt als neuer Besitzer das beinahe untergegangene Honda-Team an die Spitze der Formel 1. Auch bei der Qualifikation zum Großen Preis von Malaysia (heute 11 Uhr/RTL und Premiere) dominierten die weißen Renner. Jenson Button eroberte trotz etwas schwererem Auto wieder die Poleposition vor Jarno Trulli im Toyota und Sebastian Vettel. Der Red-Bull-Pilot muss allerdings als Strafe für seinen Crash in Australien zehn Plätze weiter hinten starten, deswegen rückten Timo Glock (Toyota) und Nico Rosberg (Williams) in die zweite Startreihe.

Der 58-jährige Ross Brawn hat für viele bereits beim Rennen in Melbourne seinen Ruf als Weltmeistermacher einmal mehr bestätigt. Gerade in Deutschland wurde Brawn als das „Superhirn“ hinter den Erfolgen von Michael Schumacher selbst zum Superstar. Er präsentierte sich meist als Vaterfigur, ein bisschen rundlich, ein bisschen gemütlich – und das alles verbunden mit technischem und strategischem Genie.

Die Konkurrenz wittert bei den märchenhaften Erfolgen des „großen Bären“ (Button über Brawn) bisweilen alles andere als märchenhafte Hintergründe, und das seit fast 20 Jahren schon. Für viele ist Brawn einer, der das Reglement nicht nur bis an die absolute Grenze ausreizt, sondern des öfteren auch mal darüber hinaus. Und der damit stets davongekommen ist, auch weil er immer auf der politisch richtigen Seite stand. Schon als Brawn Ende der achtziger Jahre in der Sportwagen-WM mit Jaguar große Erfolge feierte, ärgerte man sich bei den Gegnern, ob Porsche oder Sauber, über Benzintricksereien. Peter Sauber hat noch heute eine deutliche Meinung zu dem Thema, die er aber lieber „nicht laut sagt“.

Auch in der Formel 1 zog Brawn bald das Misstrauen der Gegner auf sich. Zum Beispiel 1994 bei Benetton: Am Weltmeisterauto von Michael Schumacher war so einiges merkwürdig, etwa die verbotene Traktionskontrolle, von der man aber angeblich nicht beweisen konnte, dass sie auch eingesetzt wurde. Dann eine manipulierte Tankanlage und beim vorletzten Rennen in Japan fand sich noch eine verbotene Getriebe-Halbautomatik, alles ohne weitere Konsequenzen. Womöglich, weil Benetton-Chef Flavio Briatore unter dem besonderen Schutz seines Freundes Bernie Ecclestone stand. Der ist zufälligerweise Formel-1-Chef und half Brawn auch diesmal mit einer Finanzspritze bei der Übernahme des Honda-Teams.

Auch nach dem Wechsel zu Ferrari verschwanden die Ungereimtheiten nicht. Beim WM-Finale 1997 in Jerez stürzte Williams-Technikchef Patrick Head wutentbrannt ins Zelt der Roten und brüllte: „Ihr verdammten Betrüger!“ Es ging um einen beweglichen Flügel, den Ferrari erlaubt bekommen hatte, Williams aber nicht. Brawns weitere Liste der erfolgreichen Bewegungen durch dunkelgraue Zonen enthält: die Windabweiser-Affäre von Malaysia 1999, als nachträglich die Messmethoden geändert wurden, um den Ferrari legal zu machen; den wundersamen Gewinn von einer Sekunde pro Runde innerhalb einer Woche 2000, begleitet von verdächtigen Traktionskontrolleeffekten; die Reifenaffäre im Spätsommer 2003; und ein noch von Brawn erdachter flexibler Unterboden am 2007er Ferrari. Doch wie im Märchen schaffte Brawn es stets, am Schluss irgendwie immer auf der Seite der Sieger zu stehen.

Vermutlich auch heute beim Rennen in Malaysia. Nach seiner Machtübernahme fährt Brawn GP mit einem umstrittenen Unterbodenbauteil namens Diffusor allen davon. Dabei gab es angeblich innerhalb der Teamvereinigung Fota eine eindeutige Absprache, genau diese Regelauslegung nicht zu unternehmen. Rein rechtlich konnte Ross Brawn dafür bisher nicht belangt werden – und Charakterfragen stehen nun mal nicht zur Diskussion. Auch nicht in der Berufungsverhandlung der Fia am 14. April, die entscheiden muss, wie es mit dem Märchen diesmal weitergeht.

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