Sport : Formel-1-Auftakt: Das tödliche Schlupfloch im System

Karin Sturm

Die Öffnung im Sicherheitszaun misst gerade 50 mal 150 Zentimeter, direkt über der Betonmauer an der Rennstrecke. Dieses Schlupfloch führte zur Tragödie. Es kostete einem Menschen das Leben zum Auftakt der Formel 1 am Sonntag beim Großen Preis von Australien in Melbourne.

Das Loch im Zaun befindet sich ganz in der Nähe der ersten Aufprallstelle des BAR-Wracks von Jacques Villeneuve. Angelegt sind diese Öffnungen dafür, dass die dahinter stehenden Posten durch sie ihre Signalflaggen schwenken und im Notfall schnellen Zugang zur Strecke finden können. Als nützlich erweist sich ein solches Loch auch dann, wenn sich ein eventuell an dieser Stelle ausgeschiedener Fahrer in Sicherheit bringen will. Genau aber durch diese eine kleine Lücke flog das abgerissene Rad und traf den dahinter stehenden 51-jährigen Streckenposten aus Queensland tödlich.

Angesichts dieser Erkenntnisse herrscht Betroffenheit. "Wenn sich ein Rennwagen bei Tempo 300 in seine Einzelteile aufzulösen beginnt, dann ist das kein Autounfall, sondern ein Flugzeugabsturz", sagt Jackie Stewart, dreimaliger Formel-1-Weltmeister und Frontkämpfer in Sachen Sicherheit zu Beginn der 70er-Jahre. "Die Dynamik, wie weit dabei einzelne Teile fliegen, ist unglaublich. Aber es ist unsere Aufgabe, die Unfälle räumlich auf die Rennstrecke an sich zu beschränken." Stewart sieht einen weiteren Punkt: "Sicher muss die größte Sorge den Streckenposten und Zuschauern gelten. Wir müssen vorausdenken. Vorsorge-Medizin ist immer besser als heilende im Nachhinein. Sicher gibt es immer noch Möglichkeiten, Zäune stärker, höher, fester, widerstandsfähiger zu machen. Und vielleicht muss man die Zuschauer an einigen Stellen doch etwas weiter von der Strecke weghalten, auch wenn ihnen das vielleicht selbst nicht gefällt."

Es gibt Ansatzpunkte, über die die Verantwortlichen bei der FIA nachdenken: Etwa die Überlegung, dass Flaggensignale in Zukunft durch elektronische Anzeigen im Cockpit ersetzt werden. Das würde dazu führen, dass die Streckenposten in etwas weiter entfernte und damit besser geschützte Positionen zurückzuziehen wären. Was die Frage der Zuschauer angeht, werden sich Kompromisse finden lassen müssen: "Man kann keine meterhohe Betonwand um die Strecke ziehen", argumentiert der Organisationschef von Melbourne, Ron Walker. Sicher, Zäune können höher werden, aber so lange man durch sie durchschauen kann, werden zumindest kleine Teile - und die können auch wie Geschosse wirken - immer durch sie hindurch fliegen können. "Und wenn man die Zuschauer zu weit zurücknimmt, dann bekommen wir Verhältnisse wie am Nürburgring. Nur da beschweren sich viele, dass sie die Autos nicht mehr richtig sehen", sagt der frühere Formel-1-Fahrer Christian Danner. Besonders auf Strecken, die nicht ausschließlich für Rennen genutzt werden, etwa auf Stadtkursen, ist es nicht möglich, Tribünen weiter zurück zu setzen. Blieben Schutzwände aus schusssicherem Glas an gefährdeten Stellen.

Prinzipiell lässt sich das Wegfliegen von Teilen, auch von Rädern, nicht verhindern. Wo ein Sicherheitsstahlseil reißt, reißen auch zwei. Dass diese neue Sichherheitsmaßnahme der FIA nicht viel bringt, zeigte sich schon am Samstag vor dem Rennen, als beim Crash von Luciano Burti die Räder des Jaguar in alle Richtungen davonflogen. Solange die Formel 1 freistehende Räder hat, wird es so sein. Die Diskussion, ob man so weit gehen dürfe, den Rennwagen per Reglement verkleidete Räder zu verpassen, gibt es seit Jahren.

Und dann gibt es noch einen weiteren Ansatz. Im Laufe der vergangenen Jahre sind die Autos und die Strecken für die Piloten immer sicherer geworden. "Zu meiner Zeit wäre Villeneuve bei so einem Unfall tot gewesen", sagt der frühere Weltmeister Niki Lauda. Aber dieses Gefühl von mehr Sicherheit erzeugt eine verstärkte Risikobereitschaft unter den Fahrern. Nehmen wir Michael Schumacher, der nach seinem Doppelsalto im freien Training sagte, dass ja eigentlich alles ganz harmlos gewesen ist. Oder sein Teamkollege Rubens Barrichello. Am Sonntag hatte er versucht, einen verpatzten Start dadurch wett zu machen, indem er kurz darauf völlig überhastet Heinz-Harald Frentzen attackierte, also einen mögliche Crash durchaus in Kauf nahm. Oder wir denken an Jacques Villeneuve. Nach seiem schweren Unfall vor eineinhalb Jahren in Spa erzählte er grinsend, dass es sein bisher bester Unfall in der Formel 1 gewesen sei.

Wie sich doch die Zeiten ähneln. Es wird schon nichts passieren. Die gleiche Stimmung herrschte zu Beginn der 90er Jahre schon einmal - bis Imola 1994. Damals rasten an einem Wochenende Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in den Tod.

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