Formel 1 : Beim Barte des Piloten

Mit Aberglaube und Vollgas will Sebastian Vettel den Formel-1-Titel doch noch holen.

Karin Sturm[Sao Paulo]

Jenson Button und Rubens Barrichello waren regelrecht fasziniert vom Bart ihres Kollegen. Sie bestaunten Sebastian Vettels fransigen Gesichtsschmuck und zupften beim gemeinsamen Fototermin sogar daran herum, bis Vettel lachend klarmachte: „Schluss jetzt – ich lass mich von euch nicht rasieren!“ Genau die umgekehrte Taktik hat der deutsche Formel-1-Pilot vor dem vorletzten Saisonrennen in Brasilien am Sonntag nämlich ausgegeben: Mit vollem Risiko will der derzeitige WM-Dritte ins Rennen gehen, um den beiden Brawn-Piloten Button und Barrichello den Titel doch noch streitig zu machen. Deswegen greift er tief in die Kiste und schreckt auch vor abgedroschenen Sportlertricks nicht zurück. So soll bei ihm und seiner Red-Bull-Truppe sprießender Haarwuchs im Gesicht den letzten Kick bringen und so lange nicht gebändigt werden, bis eine Entscheidung gefallen ist. „Ähnlich wie beim Eishockey haben wir uns den Play-off-Bart wachsen lassen“, erklärt Vettel, „und wir hoffen, dass er noch so lange wie möglich dran bleibt.“

Eine schnelle Rasur hat vor allem Jenson Button in der Hand. Der WM-Führend macht auf cool und abgeklärt, so, als könne ihn auch ein eventuelles WM-Finale im letzten Rennen überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Ob er besondere Aufregung verspüre? „Nein, überhaupt nicht, höchstens freudige Erwartung.“ Bei 14 Punkten Vorsprung auf seinen Teamkollegen Barrichello und 16 auf Vettel tut der Engländer zumindest so, als sehe er kein größeres Problem darin, den WM-Titel nach Hause zu fahren. Am besten natürlich schon in Sao Paulo, wenn es sein muss, aber eben auch erst in Abu Dhabi. Rubens Barrichello dagegen gilt vielen als der größte Außenseiter, weil er im gleichen Auto wie der WM-Führende sitzt und sein Team allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz wohl eher auf die sicherere Option Button setzen wird.

Sebastian Vettel dagegen kann sich zumindest der vollen Unterstützung seines Teams sicher sein. Der 22-Jährige muss zwar wegen der geringeren Anzahl an Saisonsiegen sogar 17 Punkte auf Button aufholen, wo nur noch 20 zu vergeben sind, doch aufgeben will er nicht. „Natürlich ist es ein sehr großer Abstand, aber es ist noch einiges drin und gekämpft wird bis zum Schluss“, stellt er fest und begibt sich in die Rolle des jungen, frechen Angreifers, der nichts zu verlieren hat: „Es zählt nur voller Angriff. Für uns ist die Marschroute klar: Wir müssen versuchen, zweimal zu gewinnen.“

Für sich selbst sieht der Heppenheimer keinerlei Anlass zu Nervosität: „Es ist schließlich nicht das erste Mal in meiner Karriere, dass ich um eine Meisterschaft kämpfe.“ Immer wieder betont er, dass der Druck schließlich ganz auf den anderen liege, er sei schließlich der Außenseiter. Und auch sonst versucht er sich ein bisschen in den Formel-1-üblichen Psychospielchen, allerdings relativ gemäßigt im Vergleich zu früheren Zeiten, als sich WM-Rivalen noch richtig fetzten. So lässt Vettel immer wieder gern durchklingen, dass Button schließlich in der zweiten Saisonhälfte ganz schön geschwächelt habe. Das eröffne ihm selbst nun zusätzliche Chancen, weil man nun sehen müsse, wie der Engländer mit dem Druck, Weltmeister werden zu können, fertig werde. Und ganz nebenbei erwähnt Vettel immer wieder gern, dass der Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen vor zwei Jahren den McLaren-Fahrer Lewis Hamilton trotz 17 Punkten Rückstand vor den letzten beiden Rennen auch noch abgefangen habe.

Einer, der Vettel und auch Jenson Button sehr gut kennt, ist der BMW-Sauber-Teamchef Mario Theissen, schließlich starteten beide ihre Grand-Prix-Karrieren bei BMW. Button testete mit 19 Jahren das erste Mal ein Formel-1-Auto von BMW-Williams, Vettel fuhr in dem Alter sogar schon sein erstes Rennen für BMW-Sauber. „Sie sind unterschiedliche Charaktere, ganz verschiedene Typen“, sagt Theissen. „Jenson ist damals sehr unbekümmert hereingestolpert. Es war eine Chance, die für ihn eher unerwartet war, die er aber genutzt hat.“

Während Button die Reife in jungen Jahren noch gefehlt habe, sei Vettel sehr gut vorbereitet in die Formel 1 gekommen. Der Deutsche sei „eine außergewöhnliche Mischung aus Talent, Intelligenz und professioneller Einstellung. Er weiß ganz genau, welche Faktoren zusammen kommen müssen, damit er den Erfolg haben kann“, sagt Theissen. „Er kümmert sich auch darum, dass alles stimmt – trotzdem hat er den Humor nicht verloren.“ Und inzwischen sieht man ihm seine frühe Reife sogar auf den ersten Blick in Richtung Kinn an – vielleicht ja sogar noch bis nach dem Wochenende.

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