Sport : Formel 1: Biedermann und Draufgänger

Vincenzo delle Donne

Michael Schumacher hin oder her. Juan Pablo Montoya wird mittlerweile fast genauso viel Aufmerksamkeit der Medien zuteil. Sein Duell mit dem Weltmeister ist das, was der Formel 1 seit der Fehde zwischen Alain Prost und Ayrton Senna gefehlt hat. Unterschiedlicher können Charaktere nicht sein. Auf der einen Seite ist der souveräne Champion, der sich auf wie abseits der Rennstrecke unnahbar gibt. Auf der anderen Seite sucht der aufstrebende Kolumbianer nach jeder sich bietenden Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Das ist auch vor dem Großen Preis von San Marino heute in Imola (14 Uhr live auf RTL) wieder so. Dabei geht Montoya immer wieder gefährlich nah an verbale und physische Grenzen. Die Zeitungen vergleichen die Scharmützel der beiden Kontrahenten schon mit denen Prosts und Sennas. Schon dreimal hat es zwischen ihnen in dieser Saison schon beinahe gekracht. Weil dabei Montoya stehts als Verlierer heraus kam, wächst im 26-Jährigen langsam ein Groll gegen sein einstiges Vorbild. So fing es bei Prost und Senna auch an, bevor eine offene Feindschaft daraus wurde.

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Trotzdem ist Montoya im Grunde ein Glücksfall für die auf Action und Kommerz ausgerichtete Formel 1. Solche respektlosen Fahrertypen braucht das Rennspektakel. Klammheimlich hat sich Draufgänger Montoya mit dieser Einstellung schon in die Herzen der Ferraristi gefahren, deren Liebling trotz der Erfolge Schumachers immer noch der Kanadier Gilles Villeneuve ist. Der Vater des BAR-Piloten Jacques Villeneuve fuhr in seiner kurzen Karriere zwar nur sechs Siege für Ferrari heraus, wurde von den Fans wegen seines unerschrockenen Charakters aber sofort geliebt. Da nimmt es nicht Wunder, dass Montoya mit den Italienern in Verbindung gebracht wird, auch wenn es allenthalben Dementis gibt. So auch vom Kolumbianer selbst: "Die Wechselgerüchte sind Blödsinn, ich bin glücklich, für Williams-BMW zu fahren." Gleichwohl ließ sich Montoya ein Hintertürchen offen. Auf die Frage, ob der mythische Ferrari-Rennstall nicht auch für ihn eine große Verlockung darstelle, antwortete er vielsagend: "Vielleicht in Zukunft."

Gegen Montoya wirkt Michael Schumacher bieder und langweilig. Doch nur auf den ersten Blick: Die Taktik des Weltmeisters ist es, den Kolumbianer mit Missachtung zu strafen. Jeder Champion hat das getan, wenn ein vielversprechender Herausforderer plötzlich in seinem Revier auftauchte. "In der Formel 1 gibt es 22 gute Fahrer", sagte Schumacher, auf Montoyas fahrerische Qualitäten angesprochen. Verlorene Sympathien versuchte Schumacher, der noch immer nur bruchstückhaft italienisch spricht, durch Äußerungen wie "Ich bin ein Deutscher mit einem italienischen Herzen" wettzumachen. Gleichzeitig präzisiert er, dass er nie vorhatte, in die Toskana zu ziehen. Vielleicht wohnt Montoya ja bald dort.

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