Formel 1 : Brawn und die Zeitmaschine

Der Brite Ross Brawn dominiert mit seinem Team und Jenson Button die Formel 1 – wie einst mit Ferrari und Michael Schumacher

Christian Hönicke[Barcelona]

Es scheint, als habe das Technikwettrüsten in der Formel 1 am Ende nicht nur Diffusoren hervorgebracht, sondern auch eine Zeitmaschine. Und als hätte sie jemand auf sieben oder acht Jahre rückwärts eingestellt, mit nur kleinen Korrekturen in Farbe und Schrift: weiß statt rot, Brawn statt Ferrari, Button statt Schumacher. Damals wie heute dabei: ein unheimlich dominantes Auto, Legalitätsdebatten, Anwürfe der Konkurrenz und Stallordervorwürfe.

Der Reiseleiter bei diesem Trip durch die Zeit ist ein Mann, der die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt: Ross Brawn, früher Technischer Direktor bei Ferrari, heute Chef seines eigenen Teams.

Seinetwegen droht der Formel 1 ein Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten. Nach dem vierten Sieg seines Piloten Jenson Button im fünften Saisonrennen deutet sich eine Hegemonie des Brawn-Teams an, die an die erdrückende Dominanz von Michael Schumacher im Ferrari zu Beginn des Jahrtausends heranreichen könnte. Auch nach der allgemeinen Aufrüstungsrunde, die vor allem durch die umstrittenen Doppeldiffusoren an den Brawns nötig geworden war, hat sich an der Konstellation in der Formel 1 nichts geändert. In Barcelona hatten Button und sein Teamkollege Rubens Barrichello auf Rang eins und zwei nur sich selbst als Gegner – die einstigen dominanten Kräfte, das Weltmeisterteam McLaren-Mercedes, Ferrari und BMW haben den Titel allesamt spätestens jetzt abgeschrieben. Stellvertretend dafür äußerte sich Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug: „Wenn ich daran noch glauben würde, müsste ich mich fragen lassen, ob ich zu heiß oder zu kalt geduscht habe.“ Ferrari machte zwar einen Schritt nach vorn, doch angesichts der unglaublichen Fehlerserie, die sich diesmal mit Spritmangel bei Felipe Massa fortsetzte, verpufft die Aufholjagd.

In der Lage, die Brawns zu gefährden, scheint in diesem Jahr einzig Sebastian Vettel im Red Bull zu sein. Auch sein Auto ist eine Reminiszenz an vergangene Zeiten – es wurde von Adrian Newey designt, der einst für Ferraris großen Konkurrenten McLaren die Autos baute. Doch kommt der Titelkampf für den 21 Jahre alten Deutschen bei allem Talent wohl noch ein wenig zu früh. Vettel hat aufgrund seiner Unerfahrenheit schon einige Punkte liegen lassen und inzwischen 18 Zähler Rückstand. Nach seinem Crash mit Robert Kubica in Australien wurde er in Barcelona nur Vierter und vergab den möglichen Sieg, weil er den Start verpatzte und bis vier Runden vor Schluss hinter Felipe Massas Ferrari festhing. „Vielleicht hätte ich früher nach rechts ziehen sollen, um Felipe den Weg abzuschneiden“, gestand er ein.

Die Befürchtungen, dass Ross Brawns Piloten mal wieder den Weltmeister unter sich ausmachen, scheinen sich also zu bestätigen. Das Erfolgsrezept des 54-Jährigen greift auch in seinem eigenen Rennstall, den er nach dem Ausstieg von Honda übernommenen hatte: Wie schon bei Ferrari und davor Benetton setzt der Brite bei dem Weg zum nächsten WM-Titel auf die bewährte Mischung aus millionenschwerer Autoentwicklung samt semi-legalen technischen Finessen, strikter Fehlerminimierung und einer klaren Hierarchie bei der Fahrerpaarung. Nicht umsonst holte Brawn nicht den unkalkulierbaren Bruno Senna als zweiten Piloten, sondern hielt an Rubens Barrichello fest, der schon für Schumacher Wasserträgerdienste verrichten durfte.

Am Sonntag konnte man regelrecht sehen, wie nach dem Rennen auch die Zeitmaschine im Kopf von Barrichello ansprang. Mehr oder weniger deutlich witterte er als gebranntes Kind eine Stallorder wie einst bei Ferrari. Er hatte sich am Start vor Button geschoben, wurde aber durch einen Tankstrategiewechsel des Engländers und eigene Reifenprobleme wieder auf Rang zwei verdrängt. „Ich hoffe, man kann mir erklären, wieso ich dieses Rennen nicht gewonnen habe“, sagte er enttäuscht. Ross Brawn tat es hernach: Button habe sich einfach von dem Brasilianer aufgehalten gefühlt, deswegen habe seine Crew von einer Drei- auf eine Zwei-Stopp-Strategie umgestellt. „Das hätte Rubens’ Team auch tun können. Man hat doch in der ersten Kurve ganz klar gesehen, dass es keine Teamorder gab.“ Ob nun Stallorder oder nicht, eines ist praktisch sicher: Der Formel-1-Weltmeister wird in diesem Jahr am Steuer einer Zeitmaschine namens Brawn sitzen.

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