Sport : Formel 1: Brüderlich in Barcelona

Frank Bachner

Das Vorzelt, das Ferrari im Fahrerlager an seinen riesigen Motorhome gebaut hat, ist angenehm kühl. 30 Journalisten warten im Zelt. Dann kündigt sich ein Mann in knallrotem Overall an , und der Mann von "Premiere World" sagt zu seinem Kameramann: "Film! Jetzt! Der Einzug des Gladiators." Selbstverständlich taucht jetzt Michael Schumacher auf, es gibt im Moment ja nur einen Gladiator in der Formel 1. Ralf Schumacher hat vor 14 Tagen in Imola gewonnen, aber Michael Schumacher ist dreimaliger Weltmeister, hat dreimal den Titel knapp verpasst und führt in der aktuellen WM-Wertung, 14 Punkte vor seinem Bruder Ralf. Der ist Vierter. Und hat gerade mal ein WM-Rennen gewonnen. Michael Schumacher hat 45 gewonnen. Die sportliche Hierarchie in der Familie Schumacher, ist betoniert, sie hat sich zumindest seit Imola nicht geändert. Eigentlich. In Wirklichkeit ist natürlich doch etwas passiert. Ralf Schumacher wird jetzt nämlich als Sieger wahrgenommen, er rückt für Fans und Medien in eine andere Klasse auf. Es ist eine psychologische Sache.

Man sieht das bei Michael Schumacher. Der sitzt auf seinem Barhocker, er sagt: "Ferrari fährt im Moment fast am Optimum." Und: "Ich rechne natürlich damit, dass ich um den Sieg fahre." Aber dann muss er gleich über seinen Bruder reden. Das muss er oft, aber seit Imola ist die Art der Fragen anders. Der Bruder ist immer noch Schumi 1b, aber einer, den man ernster nimmt. "Zeitungen hatten viel Blödsinn geschrieben", sagt er, es gebe "ein paar Stimmungsmacher", und deshalb habe er zusammen mit Ralf am Abend vorher bei den Fans "einiges relativieren müssen". Die beiden Piloten waren bei Anhängern des Brüder-Paars eingeladen. Irgendwo in einem Hotel bei Barcelona. Dort teilten sie den Fans mit, dass sie keine Probleme miteinander hätten.

Die Boulevardzeitungen schreiben vom Duell der Brüder, und es liest sich, als wäre in Wirklichkeit ein erbitterter Kampf um Rangordnung und Emanzipation. Und dann noch Barcelona! Im vergangenen Jahr flogen nach dem Rennen eine Stunde lang die Fetzen. Michael Schumacher hatte seinen Bruder am Überholen gehindert; sein Ferrari-Kollege Rubens Barichello konnte dadurch davonfahren. Sekunden später fuhr Michael Schumacher mit kaputten Reifen an die Boxen. Aber da hatte sein Bruder schon den dritten Platz verloren. Zeit für die Revanche also. In Wirklichkeit spielt die Geschichte ein Jahr später keine Rolle mehr. Beide haben das Thema längst abgehakt, und Experten betrachteten das Michael-Schumacher-Manöver ohnehin nur als Antwort auf eine Aktion seines Bruders. Ralf Schumacher hatte seinen Bruder kurz zuvor in Silverstone beim Start zum harten Bremsen und herben Positionsverlust gezwungen. Sonst hätte es gekracht. Schon zwei Wochen später sagte Ralf Schumacher: "Intern hat sich unser gutes Verhältnis nicht geändert."

Bestimmt gab sein Sieg in Imola Ralf Schumacher einen Schub. Und bestimmt stieg der Respekt des Bruders vor dem sieben Jahre jüngeren Ralf. Aber es hat mehr etwas mit Anerkennung als mit jäher Erkenntnis der Fähigkeiten des anderen zu tun. Michael Schumacher sagt, er habe schon lange mit diesem Sieg gerechnet, er hatte, sagen Insider, den Bruder schon vor einiger Zeit zu mehr Professionalität angehalten.

Es gibt seit Imola auch keinen neuen Siegertypen Ralf Schumacher. Es gibt Ralf Schumacher wie er seit knapp zwei Jahren ist. Michael Schumacher wirkt in seinem Ferrari-Zelt locker, aber es ist wohl doch mehr eine Rolle. Das sieht man eine halbe Stunde später im Zelt von BMW-Williams. Dort sitzt Ralf Schumacher, und er ist anders. Er ist ungekünstelt locker. So, sagen Leute, die ihn gut kennen, ist er schon lange. Ralf Schumacher jedenfalls verkündet wohl deshalb auch angesäuert: "Ein paar Leute haben wohl noch nicht bemerkt, dass ich seit fünf Jahren Formel 1 fahre." Schumacher sagt auch, dass er in Barcelona mit Problemen rechnet. Der Kurs liegt BMW-Williams nicht unbedingt. Aber eigentlich geht das ziemlich unter. Ralf Schumacher wird Vater, das ist das Thema. Es wäre auch ohne seinen Sieg in Imola ein Medienthema, aber es hätte nicht, wie jetzt, alles andere überstrahlt. Eine Viertelstunde muss Ralf Schumacher über das Baby reden. Dann meldet sich vorsichtig ein Reporter. Schüchtern sagt er in die Runde: "Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eine Frage zur Formel 1 stelle." Ralf Schumacher grinst. Diese Frage gefällt ihm.

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