Formel 1 : Champ mit Glaskinn

McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton erfährt nach seinem rasanten Aufstieg nun die Schattenseiten der Formel 1.

Christian Hönicke[Barcelona]
Lewis Hamilton
Lewis Hamilton -Foto: dpa

Für einen angeschlagenen Boxer macht Lewis Hamilton einen vergleichsweise aufgeräumten Eindruck. „Die Saison war bisher ein bisschen ein Auf und Ab“, sagt der Engländer ruhig. Begleitet wird der Satz von seinem patentierten souveränen Lächeln, das allerdings nicht mehr ganz so breit ausfällt wie noch im vergangenen Jahr. Es sind ein paar Schrammen hinzugekommen.

Nun ist Lewis Hamilton mitnichten ein Boxer, sondern ein Rennfahrer, doch in seiner Heimat werden schon Vergleiche mit dem Faustkampf gezogen. „Er ist wie ein Boxer, der auf allen Vieren durch den Ring krabbelt und seinen Mundschutz sucht“, stellte der „Daily Telegraph“ fest. Das mag ein bisschen übertrieben sein, denn noch kann sich der Zweite der Formel-1-Saison 2007 ganz gut auf seinen Beinen halten. Allerdings hat Hamilton in den vergangenen Wochen einige schwere Wirkungstreffer einstecken müssen. Nach dem Auftaktsieg in Australien machte er in den folgenden beiden Rennen „so viele Fehler, dass ich meinen Augen nicht getraut habe“, stellte der frühere McLaren-Teammanager Jo Ramirez verwundert fest. Die Rennstrecke in Bahrain verließ der angezählte Hamilton vor drei Wochen erst, nachdem er sich beim Team für seine vielen Ausrutscher entschuldigt hatte. Danach habe er lange über dieses Wochenende nachdenken müssen, teilte Hamilton mit. Vermutlich auch darüber, wie er sich von seinem Teamkollegen Heikki Kovalainen eine blutige Nase geholt hatte. Der Finne zeigte sich nicht gewillt, sich in die Rolle des Sparringspartners für den Star im McLaren-Stall zu fügen und fuhr frech vor Hamilton vorweg.

Um im Bild zu bleiben, ist aus dem prädestinierten Schwergewichtschampion der Formel 1 innerhalb weniger Wochen ein Kämpfer geworden, dem man hinter vorgehaltener Hand ein Glaskinn unterstellt. „Es war klar, dass es bei einem Fehler gerade bei Lewis Kritik geben würde, denn er wurde 2007 dank seiner überragenden Leistungen extrem hochgelobt“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Auch Hamilton hat den Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit nach einer traumhaften Debütsaison längst aufgegeben. „Natürlich ist es ein bisschen anders als letztes Jahr“, gibt er zu. „Der Druck ist höher, vor allem der, den ich mir selbst mache. Aber ich sehe das eher positiv: Ich möchte gewinnen, und zwar mehr als jemals zuvor.“

Genau das hält ihn momentan aber vermutlich vom Siegerpodest fern. McLarens Geschäftsführer Martin Whitmarsh jedenfalls kommt zu dem Schluss, Hamilton habe nach dem so knapp verpassten Titelgewinn im Premierenjahr das Auto in letzter Zeit „überfahren“: „Wenn das Setup schlecht ist, der Pilot nicht in Form ist oder der Teamkollege Druck macht, gibst du zu viel Gas. Das ist ganz normal – aber wenn du ein Formel-1-Auto überfährst, wird es niemals schneller.“

Der permanente Bleifuß ist vor dem vierten Saisonrennen in Barcelona am Sonntag allerdings nicht Hamiltons einziges Problem – und es ist auch nicht einzig Hamiltons Problem. Seit der zweifache Weltmeister Fernando Alonso das Team im Anschluss an die interne Schlacht mit Hamilton verließ, muss der Engländer den Rennstall mehr oder weniger allein steuern. Doch nun ist der schnellste Aufsteiger der Formel-1-Geschichte in einen Abwärtsstrudel geraten, der sein ganzes Team mitreißt: McLaren-Mercedes hat den Anschluss an Ferrari verloren und musste sich zuletzt sogar von BMW-Sauber überholen lassen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Hamilton mit seinen gerade einmal 23 Jahren ungeachtet der perfekten Vorbereitung vielleicht doch noch nicht über die entsprechende Erfahrung verfügt, um ein Spitzenteam anzuführen. Vielleicht wäre es für seine persönliche Entwicklung trotz aller Streitereien besser gewesen, wenn er in Alonsos Windschatten noch ein wenig hätte wachsen können. „Nein“, widerspricht Hamilton. „Ich lerne auch eine Menge von Heikki. Er hat eine Menge neue Ideen und neue Fahrstile, die er einbringt.“ Wie man einen verlorenen Mundschutz nach einem harten Treffer wiederfindet, kann Lewis Hamilton von seinem neuen Teamkollegen allerdings nicht lernen: Kovalainen steht auch erst seit einem Jahr im Formel-1-Ring.

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