• Formel 1: Der Kopfmensch: Unfall, Tod und Verletzung sind für Michael Schumacher nur abstrakte Begriffe

Sport : Formel 1: Der Kopfmensch: Unfall, Tod und Verletzung sind für Michael Schumacher nur abstrakte Begriffe

Frank Bachner

Vielleicht ist es ja einfach nur das Funkeln der Steine in der Sonne. Oder die Farbe des Felsens, dieses Glutrot. Oder die Größe des Felsens. Egal. Entscheidend ist, dass Michael Schumacher staunend vor diesem Steinblock stand. Ein mächtiger Felsen in Utah, geeignet zum Klettern und Bewundern. Michael Schumacher schwärmt von diesem Felsen, er ist hinaufgeklettert. Sabine Kehm, seine Pressesprecherin, hat gehört, wie er davon sprach. "Es hat ihn", sagt sie, "mächtig beeindruckt."

Also doch ein Mensch. Kein Roboter im Ferrari-roten Overall, mit einprogrammierter Mimik und abgezirkelten Gesten. So kommt er doch immer rüber im Fernsehen, wenn er mal wieder beim Formel-1-Zirkus ist. Er wirkt schon da so unnahbar. Aber auch nach Unfällen ist er so seltsam nüchtern und abgeklärt. Zehn schwere Unfälle hat er nahezu unverletzt überstanden. Nur einmal, 1999, brach er sich in Silverstone ein Bein. Aber sonst stieg er aus und sagte später, dass alles okay sei. In solchen Momenten glaubt man nicht, dass Michael Schumacher etwas beeindrucken kann. Schon gar nicht ein Felsen in Utah.

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Online-Gaming: meinberlin.de sucht den Formel-1-Champion! In Wirklichkeit ist das natürlich Blödsinn. Der Profi Schumacher lebt seit vielen Jahren mit den Gedanken an Unfälle, Tod und Verletzung. Aber es sind abstrakte Begriffe für ihn. Schumacher lässt keine Bilder von Blut und Schmerzen und Trauer an sich heran. Ein Unfall ist erst mal ein analytisches Problem. "Wenn er weiß, wo der Fehler lag, hat er keine Probleme damit, den Crash zu verkraften", sagt Sabine Kehm. Fehler kann man korrigieren. Schumacher muss das Gefühl haben, Kontrolle über alles zu bekommen. Und einen Fehler zu erkennen, ist auch schon eine Form der Kontrolle. Deshalb verarbeitete er auch seinen jüngsten Crash so schnell, den Aufprall mit 310 Stundenkilometern gegen einen Reifenstapel in Monza. "Im ersten Moment", sagte Schumacher später, "denkst du nur an dich selbst und an deine Knochen und an nichts anderes." Aber schon ein paar Stunden nach dem Unfall hatte er sich wieder gefasst. "Ich weiß ja, was passiert ist. Ich habe ja keinen Fahrfehler begangen." Der Unterboden seines Autos war beschädigt, der Ferrari war nicht mehr zu kontrollieren. Nur einmal, bei einem Unfall in Imola 1995, weiß Schumacher bis heute nicht, was passiert ist. Nur, dass sich sein Auto fast überschlagen hätte. Diese Ungewissheit hängt ihm nach. Manchmal redet er auch drüber.

Das sind die seltenen Momente, in denen Michael Schumacher öffentlich Gefühle zeigt. Er kann das nicht. Er ist sowieso ein introvertierter Typ, und was noch an Resten von Gefühlswallungen besteht, unterdrückt er mit enormer Selbstdiziplin. "Ich mache nichts Unüberlegtes", sagt er. Er kennt seine überragenden Fähigkeiten. Wenn etwas schief läuft, dann liegt es in der Regel an der Technik, nicht an ihm. Schumacher würde nie auf Ovalstrecken mit Steilwänden fahren. Oder in Le Mans. Zu gefährlich.

Alles eine Frage der Risikobereitschaft. Auch ein Müllmann kann auf der Straße überfahren werden. So denkt Schumacher. Nur einmal wurde dieser Panzer, der beim Thema Unfall um seine Seele liegt, durchbrochen. 1994, als Ayrton Senna starb. Den Brasilianer hatte Schumacher bewundert, als er ihn bei einem Kartrennen in Holland zum ersten Mal sah. Sennas Tod war ein Schock für den Deutschen. "Da hatte ich zum ersten Mal eine intensive Berührung mit dem Thema Tod", sagt er. Kurze Zeit dachte er sogar ans Aufhören. 1996 besuchte er Sennas Grab in Brasilien. Nur Corinna war dabei, seine Frau. Er wollte in Ruhe trauern, er wollte dem anderen ohne Kameras seinen Respekt erweisen. Deshalb fehlte er auch beim Begräbnis. Viele nannten ihn daraufhin gefühllos. Ein Missverständnis.

Es genügt ein Stichwort, um seine ganzen Gefühle hochzuspülen. 2000, in Monza, kam dieses Stichwort. Schumacher hatte gewonnen, er, der Ferrari-Pilot, in Italien, wo Ferrari zu Hause ist, er hatte nun gleich viel Grand-Prix-Siege wie Senna. Ob ihm das etwas bedeutet, fragte ein Journalist. Ja, natürlich, antwortete Schumacher. Doch dann spürte er in seinem Hals einen Kloß. Die Freude über den Sieg, die Erinnerung an Senna, das alles überwältigte ihn. Leute, die dabei waren, sahen, wie sein kantiges Gesicht noch kantiger wurde, wie er mit seinen Gefühlen kämpfte, wie er sie nicht mehr mit seiner extrem ausgeprägten Selbstdisziplin kontrollieren konnte. Und dann begann er zu weinen.

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