Sport : Formel 1: Die Weggefährten des Weltmeisters

Karin Sturm

Seinen Frust reagiert Rubens Barrichello zuweilen beim Golf ab. Zumindest bei diesem Sport muss er sich nicht mit einem übermächtigen Mitspieler rumschlagen. Barrichello ist der neunte Teamkollege von Michael Schumacher in dessen Formel-1-Karriere, und steht stets im Schatten des Weltmeisters. "Ich lerne zwar sehr viel von ihm, aber es ist schon ein Problem, wenn man nicht die volle Aufmerksamkeit des Teams hinter sich hat", gibt er zu. Seinen Frust reagiert Barrichello beim Golf ab. "Ich habe immer Siegeswillen und Kampfgeist gehabt. Aber Gott hat mir ein Steinchen in den Schuh gelegt", sagt er, wie das auf Portugiesisch so schön heißt, "und das ist Michael Schumacher." Trotzdem gibt er zumindest nach außen die Hoffnung noch nicht auf, irgendwann einmal doch noch einmal mehr als eine gute Nummer zwei zu sein: "meine Zeit wird kommen!" Wenn Michael Schumacher aufhört etwa? Bei Ferrari wird Barrichello das kaum miterleben.

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Online-Gaming: meinberlin.de sucht den Formel-1-Champion! Die Reihe der Teamkollegen, die in Schumachers Schatten standen, deren Karriere zum Teil sogar an ihm zerbrach, ist lang. Von Andrea de Cesaris, dem Italiener, den Schumacher 1991 in Spa bei seinem Debüt mit Jordan schon im Training mehr als alt aussehen ließ, redet schon lange keiner mehr, er kommt höchstens ab und zu noch mal als "Edelfan" im Fahrerlager von Monaco vorbei.

Dass sich Nelson Piquet, Schumachers erster Benetton-Teamkollege, Ende 1991 mehr oder weniger freiwillig aus der Formel 1 zurückzog, hatte viel damit zu tun, dass er von Anfang an im Schatten des Jungstars stand. Sowieso nach drei WM-Titeln eher schon im Herbst seiner Karriere angelangt, versuchte der Brasilianer sich in die USA, in die Cart-Serie, umzuorientieren - doch nach einem schweren Unfall 1992 musste er auch diese Hoffnungen begraben. Heute lebt er als Geschäftsmann in Brasilien, verdient dort als Importeur von Satelliten-Überwachungs- und -Orientierungssystemen für Lkw "mehr als je in meiner aktiven Zeit", besitzt ein eigenes Formel-3-Team und fördert die Rennkarriere seines Sohnes Geraldo.

Auffällig der Sinneswandel bei Martin Brundle, dem Engländer, der 1992 Schumachers Benetton-Teamkollege war. Damals - und noch ein paar Jahre danach - konnte sich Brundle gar nicht laut genug in Lobpreisungen und Hymnen über Schumachers Supertalent und Ausnahmestellung ergehen. Seitdem Brundle aber eine entscheidende Rolle im Management des Schumacher-Konkurrenten David Coulthard spielt, sind die Töne deutlich differenzierter und manchmal auch kritischer geworden.

Gar nichts mehr mit der Formel 1 zu tun hat der Italiener Riccardo Patrese, für den die Saison 1993 neben Schumacher bei Benetton das Ende seiner Karriere bedeutete und der sich heute um die Reiter-Karriere seiner Kinder kümmert. Einer der wenigen, die offenbar unter Schumachers Überlegenheit nicht litten, der einzige, der sich sogar bis heute ein sehr freundschaftliches Verhältins bewahrte, ist Jos Verstappen, einer von drei Benetton-Teamkollegen aus Schumachers erstem WM-Jahr 1994. Der heutige Arrows-Fahrer und seine Familie fahren schon mal mit den Schumachers in Urlaub, "unsere Kinder sind fast gleich alt, sie spielen gern miteinander." Und wenn Verstappen mal wieder auf Vertragssuche ist, dann lässt Schumacher auch schon mal ein paar positive Worte über den Holländer fallen.

Der Finne J.J. Lehto, der gegen Schumacher keine Chance hatte und als Kommentator für das finnische Fernsehen in der Formel 1 sowie teilweise auch noch als GT-Pilot in LeMans oder den USA unterwegs ist, versucht zu differenzieren: "Ich hatte damals 94 sicher auch Pech, bin durch meinen Unfall zu Saisonbeginn viel zu wenig zum Fahren gekommen und hatte schon dadurch keine Chance. Aber es war auch schwer - weil das Team halt immer auf Schumacher fixiert war." Viel deutlicher wird da Johnny Herbert, der 1994 die letzten zwei Saisonrennen und dann das ganze Jahr 1995 neben Schumacher bestritt: "Ich hatte nie gleiche Chancen", schimpfte der Engländer, der letztes Jahr seine Formel-1-Karriere beendete und immer noch mit der Cart-Serie liebäugelt, mehr als einmal, "Schumacher hat immer und überall alle Privilegien für sich beansprucht und auch bekommen."

So viele Teamkollegen Schumacher bei Benetton hatte, so wenige waren es im Verhältnis in seinen sechs Ferrari-Jahren: Vier Jahre Eddie Irvine, der ihn wie Brundle in der gemeinsamen Zeit immer geradezu in den Himmel hob, um jetzt ab und zu einen seiner verbalen Giftpfeile abzuschießen, und dann eben Barrichello. Der jammert eher mal ein bisschen, als dass er schießt. Und wenn, dann nur mit Golfbällen.

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