Formel 1 : Dienstreise ins Liebesnest

Merkwürdige Hotels, Schlammseen und schraubende Soldaten: Die Formel 1 lässt sich in Südkorea auf ein Abenteuer ein. Die größte Sorge war der erst vor knapp zwei Wochen aufgebrachte Asphalt.

Karin Sturm
Pinsel-Einfall. Die Strecke in Yeongam bekommt den letzten Anstrich.
Pinsel-Einfall. Die Strecke in Yeongam bekommt den letzten Anstrich.Foto: dpa

Und hier soll eine Rennstrecke sein, auf der am Sonntag ein Grand Prix stattfindet? Umgegrabene Erde, Baumaschinen, Baustellen überall. Die Formel 1 scheint deutlich zu schnell nach Südkorea hineingerast zu sein, das Land braucht noch seine Zeit, um das Motorsport-Spektakel in hübschem Ambiente zu empfangen.

Sobald der äußere Ring der Erdhügel, Schlammseen und Stahlgerüste allerdings überwunden wurde, ist das Erstaunen groß. Denn auf den ersten Blick ist das tatsächlich eine funktionstüchtige Rennstrecke mit einem großen Fahrerlager mit kleinen Häusern für die Teams, zwischen denen sogar schon ein paar Palmen wachsen. Die Fahrer wohnen im einzig vernünftigen Hotel im Umkreis von gut einer Stunde: praktisch direkt an der Strecke, mit Blick aufs Meer, allerdings auch für 5000 Euro pro Zimmer für das Rennwochenende. „Andere hat es da wohl deutlich härter getroffen“, sagt Pilot Sebastian Vettel und meint damit die Unterkünfte der Teams und Medienvertreter in der etwa 15 Kilometer entfernten 240 000-Einwohner-Stadt Mokpo. In Unterkünften, die hier Lovehotels heißen. „Denen merkt man ja schon an, dass sie den Rest des Jahres einem eher anderen Zweck dienen“, sagt Vettel und grinst. Sie sind Liebesnester für junge Pärchen ohne eigene Wohnung und ohne die Erlaubnis, den Freund oder die Freundin mit nach Hause zu bringen. Einen Schrank findet man in den Zimmern nicht, dafür eine große Auswahl an Bodylotions und kleine rote Lämpchen neben dem Bett, die nur auszuschalten sind, indem man die Birne rausdreht.

Manche Teammitarbeiter können der Situation durchaus etwas Positives abgewinnen: „Ich finde das gar nicht schlecht, da herrscht wenigstens mal eine gewisse Gleichheit zwischen den ärmeren und den reicheren Teams,“ sagt Heike Feldkamp, Logistik-Chefin beim Team HRT. Insgesamt scheinen es die Teams gelassen hinzunehmen, dass sie nach ihrer Ankunft erst einmal ihre Häuser im Fahrerlager putzen mussten. Dass zunächst Gabelstapler fehlten, um das aus Japan gelieferte Equipment zu entladen. Und dass sich die Mechaniker auch noch am Donnerstag in den Boxen mit der Stromversorgung herumschlugen. Denn nach den Erzählungen vor diesem Rennwochenende hatten es sich manche wohl noch schlimmere vorgestellt.

Um die Strecke, dort wo in der Zukunft einmal eine ganze Stadt entstehen soll, herrschen zwar Ödnis und Chaos, ausgerechnet im Hightech-Land Südkorea – das Wesentliche aber stimmt. Denn die Fahrer sind nach den ersten Besichtigungsrunden, zu Fuß oder per Scooter, mit der neuen Strecke durchaus glücklich. „Sehr schön und interessant, eine gute Mischung“, befindet Michael Schumacher.

Die größte Sorge war der erst vor knapp zwei Wochen aufgebrachte Asphalt. Doch da verlassen sich inzwischen fast alle auf die Aussagen des deutschen Streckenarchitekten Hermann Tilke. Der erklärt: „Der Asphalt wird halten. Das sagen mir meine Erfahrung, die Laborwerte und das Wissen, wie hier gearbeitet worden ist.“ Mit einer neuen Asphaltmischung, mit deutschen Spezialmaschinen und Fachkräften. „Wenn man das alles ordentlich macht, dann braucht man nicht die immer wieder kolportierten sechs bis acht Wochen zum Aushärten“, sagt Tilke.

Pannen wie die in Spa 1985, als wegen einer aufbrechenden Asphaltdecke der Grand Prix um drei Monate verschoben werden musste, oder der ewige Ärger von Montreal mit dem sich auflösenden Belag seien immer „das Resultat von Fehlern“ gewesen. Lediglich sehr rutschig werde die Strecke am ersten Tag noch sein, dann aber stetig mehr Grip bekommen. „Die Bedingungen werden sich im Laufe des Wochenendes ständig verändern – da muss man sich eben anpassen. Wir haben hier die besten Rennfahrer der Welt, die schaffen das schon.“ Wohl genauso wie die Hundertschaften von Soldaten, die am Donnerstagabend noch auf den Tribünen die letzten der 120 000 Schalensitze montieren mussten. Ob allerdings wirklich so viele Zuschauer kommen, das ist eine andere Frage.

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