Formel 1 : Doppelter Boden

Vor dem Saison-Auftakt in Australien gibt es Streit um das Aerodynamikteil, das die Autos des Teams Brawn GP so schnell macht.

Karin Sturm[Melbourne],Christian Hönicke

Am Sonntag beginnt die neue Saison der Formel 1 offiziell in Melbourne, doch das erste entscheidende Rennen des Jahres wird schon vorher ausgefahren. Eigentlich läuft es sogar schon seit Wochen – und von seinem Ausgang hängt nicht unwesentlich auch der Ausgang des Grand Prix von Australien ab. Eine Kurzbeschreibung des bisherigen Verlaufs: Bei den letzten Testfahrten vor dem Saisonstart waren die Autos zwar schnell, aber eines war schneller. Das neue Team Brawn GP war aus dem Stand allen anderen mit fast unwirklichem Vorsprung um die Ohren gefahren.

Verantwortlich für diesen Raketenstart ist vermutlich der sogenannte Diffusor, ein Teil im Endbereich des Unterbodens. Er leitet den Luftstrom so unterm Auto hindurch, dass es auf die Straße gepresst wird und schneller durch Kurven fahren kann. Drei Teams – neben Toyota und Williams eben vor allem Brawn GP, das Nachfolgeteam von Honda – haben das neue Aerodynamikreglement in dieser Frage offenbar kreativer als der Rest ausgelegt. Sie entwickelten eine Art zweistufige Lösung, einen „Doppeldiffusor“, und am besten machte das offensichtlich Brawn. „Wenn sie so in Melbourne fahren, gewinnen sie mit einer Runde Vorsprung“, sagte Williams-Technikchef Sam Michael. Genau das aber will die übrige Konkurrenz verhindern – sie hält das Bauteil für regelwidrig.

Zuerst war aus Ferrari-Kreisen zu hören, dass man in Melbourne einen Protest plane. Jetzt legte der österreichische Red-Bull-Sportchef Helmut Marko in mehreren Interviews noch eins drauf: Der Diffusor bringe „fünf Zehntel pro Runde“. Sieben Teams, darunter auch Red Bull, sind sich einig: „Das ist illegal. Sollte dieses Teil nicht regelkonform sein, werden wir protestieren.“ Was Marko erbost: Es habe wohl wieder einmal einen seltsamen Meinungswechsel beim Automobil-Weltverbands Fia gegeben: „Renault hat im März des Vorjahres bei der Fia angefragt, ob diese Lösung legal ist. Damals gab’s eine negative Stellungnahme.“ Auch Red Bull habe danach eine Absage erhalten.

Wie immer in der Formel 1 ist das Ganze natürlich nicht nur ein rein technisches Problem, sondern auch ein Politikum. Es geht am Ende wohl vor allem darum, wer den Fall am besten für seine Zwecke nutzen könnte. Und das ist vor allem im Gesamtbild des derzeit wieder heftig eskalierenden Streits zwischen den Formel-1-Machthabern, Fia-Präsident Max Mosley und Vermarktungschef Bernie Ecclestone, und der neu erstarkten Teamvereinigung Fota zu sehen, die in seltener Einigkeit auch die Fia-Regel ablehnte, den Weltmeister anhand der Anzahl der Siege zu küren. Dass der Streit den Zusammenhalt der Fota schwächen könnte, kommt Mosley und Ecclestone gelegen. Sollte es im gleichen Atemzug auch noch gelingen, Ross Brawn ein wenig in die Schranken zu weisen, würde sich sicherlich vor allem Ecclestone darüber freuen. Er war von Brawns alleiniger Machtübernahme beim einstigen Honda-Team und dessen Fahrerentscheidung für Rubens Barrichello anstelle des fürs Marketing so wichtigen Bruno Senna alles anders als begeistert.

Dass der technische Delegierte der Fia, Charlie Whiting, vor kurzem erklärte, die Diffusor-Lösungen der drei Teams seien seiner Ansicht nach „okay“, hat jedenfalls nicht viel Aussagekraft. Wie viel Whiting wirklich zu sagen hat, weiß man ja seit dem Grand Prix von Belgien im vergangenen Jahr. Dort hatte er als Rennleiter dem McLaren-Team zweimal über Funk mitgeteilt, das Überholmanöver von Lewis Hamilton gegen den Ferrari-Piloten Kimi Räikkönen sei „okay“ gewesen. Bestraft wurde der Brite trotzdem. Fia-Präsident Mosley jedenfalls stärkte Whiting in der Diffusor-Frage bisher nicht den Rücken. „Es ist eine sehr brisante Angelegenheit, in der man die Dinge so oder so sehen kann“, meinte er kürzlich – und dass er es geradezu erwarte, dass es in Melbourne richtig Ärger geben werde. Danach sieht es zumindest aus.

Am Donnerstag soll die Diffusor-Problematik bei der technischen Abnahme der Autos erörtert werden. Ein Ergebnis muss jedoch nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit einer Klärung sein. Eher im Gegenteil: Vermutlich wird dieses Rennen noch weiterlaufen, wenn der Grand Prix von Australien schon längst beendet ist.

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