Formel 1 : Eine Menge Schrott

Beim letzten WM-Rennen kam kein einziger in die Punkteränge. Die fünf deutschen Fahrer in der Formel 1 befinden sich derzeit in der Krise. Allerdings jeder auf seine Art.

Christian Hönicke[Barcelona]
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Nur in der Unfallstatistik vorne. Schon beim Saisonauftakt in Melbourne stand Sebastian Vettel quer. -Foto: dpa

Den elegantesten Auftritt beim Großen Preis von Spanien legte ohne Zweifel Michael Schumacher hin. In Schlangenlederstiefeln, weißen Jeans und einer schwarzen Fransenlederjacke schlängelte sich der im Ruhestand befindliche frühere Formel-1-Weltmeister durch das Fahrerlager des Circuit de Catalunya und verteilte Bussis an alte Gefährten. Auch wenn es für diesen Gastauftritt keine WM-Punkte gab, bedeutete er doch den schwarz-rot- goldenen Höhepunkt dieses Grand-Prix- Wochenendes – Schumachers aktive Landsmänner kurvten weit weniger grazil über die Strecke. Beim Ferrari-Doppelsieg von Kimi Räikkönen und Felipe Massa kam von den fünf gestarteten Deutschen kein einziger in die Punkteränge.

Die Vertreter der größten nationalen Fraktion der Formel 1 befinden sich in der Krise. Bereits in der zweiten Kurve hatten zwei von ihnen den ersten Tiefpunkt des Rennens fabriziert. Es war nicht frei von Ironie, dass sich der Toro-Rosso-Pilot Sebastian Vettel und der Force-India-Fahrer Adrian Sutil gegenseitig von der Strecke schoben. Beide haben nach einer guten Debütsaison nun mit Sébastien Bourdais beziehungsweise Giancarlo Fisichella unerwartet schnelle Teamkollegen und produzieren unter diesem internen Druck verhältnismäßig viel Schrott. Vor allem Sutil zog sich zum wiederholten Male Ärger wegen seiner ungestümen Fahrweise zu. „Das war ein hirnloses Manöver“, schimpfte Vettel, „er hat an einer Stelle zu überholen versucht, wo es nicht geht.“ Sutils Teamchef Colin Kolles legte seinem Piloten in deutlichen Worten mehr Gelassenheit nahe, wenn er seinen Arbeitsplatz noch ein wenig behalten wolle: „Adrian muss jetzt langsam aufpassen.“

Für Vettel ist die Situation nicht ganz so dramatisch. Allerdings steht sein Team nach der Saison zum Verkauf, und im bisherigen Saisonverlauf hat der Heppenheimer weder bei potenziellen neuen Eignern noch bei anderen Teams viele Argumente für das Vertrauen in seine Dienste vorlegen können. Nach vier Ausfällen hintereinander gerät er gegen Bourdais immer mehr ins Hintertreffen. In der Qualifikation in Barcelona verlor er sogar mehr als eine halbe Sekunde auf den viermaligen Sieger der US-Champcar-Serie.

Mehr mit seinem Auto als mit seinem Teamkollegen kämpft derzeit Nico Rosberg. „Das Fenster für eine optimale Abstimmung ist bei unserem Wagen extrem klein“, sagt der Williams-Pilot. Im Abschlusstraining hatte er sich derart mit der Abstimmung seines Autos vergaloppiert, dass er nur von Platz 15 starten konnte. Am Sonntag bekam Rosberg das Fenster immerhin etwas weiter auf, nachdem er das Set-up seines Teamkollegen Nakajima übernommen hatte, und kämpfte sich nach famosem Start bis auf Rang sieben vor – dann rollte er mit rauchendem Motor aus. Dennoch konnte Rosberg dem Wochenende Positives abgewinnen: „Ich habe wieder einmal viel gelernt.“

Das trifft auch auf Timo Glock zu, wenngleich er auf diese Erfahrungen vermutlich lieber verzichtet hätte. Wie Vettel und Sutil ist der Toyota-Fahrer derzeit mit einem zermürbend starken Stallrivalen geschlagen – zu allem Überfluss muss er sich auch noch mit einem Wagen herumplagen, der vollends auf dessen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Glock verzog das Gesicht. „Hier in Barcelona war es wieder unglaublich, so viel Untersteuern.“ Während Jarno Trulli mit dem über die Vorderachse schiebenden Toyota als Achter wieder einen Punkt holte, schlitterte Glock als Elfter hinterher und am Ende auch noch in David Coulthards Red Bull. Dennoch „mache ich mich nicht verrückt, wenn mir Leute sagen, dass ich im Duell mit Jarno nun 0:4 hinten liege“. Das brauche halt seine Zeit: „Ich habe schließlich erst acht Formel-1-Rennen. In Barcelona war ich nur zwei Zehntel pro Runde langsamer als Jarno – das ist keine Welt.“

Viel trennt auch Nick Heidfeld und Robert Kubica nicht, doch derzeit ist der BMW-Pilot aus Polen seinem deutschen Konkurrenten immer ein paar Meter voraus – auch in der WM-Wertung. Zwar rutschte der Deutsche in Barcelona als Neunter vor allem durch seinen Strafstopp aus den Punkterängen, den er sich einhandelte, weil er nach dem Unfall des McLaren-Piloten Heikki Kovalainen trotz gesperrter Boxengasse nachtanken musste. Aber auch ohne diese Unpässlichkeit hätte er im Stallvergleich wohl wieder einmal das Nachsehen gehabt. „Nach unseren Berechnungen wäre Nick Fünfter geworden – hinter Robert“, sagte Mario Theissen. Es kann durchaus als Warnung an seinen einstigen Lieblingspiloten verstanden werden, dass der normalerweise stets um unverbindliche Diplomatie bemühte BMW-Teamchef inzwischen freimütig einräumt, Kubica sei „momentan der schnellere Fahrer“. So blieb dem geneigten Motorsportfan aus Deutschland in Barcelona nur die Erinnerung an bessere Tage, die in weißen Jeans und Lederstiefeln durch das Fahrerlager streifte.

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