Formel 1 : Felipe Massa: Das gebrochene Herz

Formel-1-Rennfahrer Felipe Massa wehrt sich noch dagegen, aber der Stempel der Nummer zwei bleibt an ihm haften.

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„Alonso ist schneller als du.“ Nach mehrmaligen Aufforderungen von der Teamleitung musste Felipe Massa (hier noch vorn) seinem Ferrari-Kollegen Platz machen. Foto: dpa
„Alonso ist schneller als du.“ Nach mehrmaligen Aufforderungen von der Teamleitung musste Felipe Massa (hier noch vorn) seinem...Foto: AFP

Rubens Barrichello hatte Tränen in den Augen. „Wenn ich ein Fiesling sein muss, um Weltmeister zu werden, ist das nicht mein Ding“, sagte der Formel-1-Pilot. „Ich werde meine Jungs auch in diese Richtung erziehen, so wie mich mein Vater erzogen hat. Ich bin glücklich damit.“ Dann blickte er mit glasigen Augen nach links zu seinem Freund Felipe Massa. Wie schon vor einem Jahr stehen die beiden Brasilianer beim Rennen in Ungarn am Sonntag im Zentrum der Formel-1-Welt.

Vor einem Jahr war der Ferrari-Pilot Massa in Budapest bei Tempo 280 von einer Stahlfeder des Brawn-Mercedes von Barrichello am Helm getroffen worden und bewusstlos frontal mit 190 km/h in die Streckenbegrenzung gerast. Er lag tagelang mit schweren Kopfverletzungen im Koma, musste den Rest der Saison aussetzen. Jetzt ist Massa wieder da, aber er wirkt nicht glücklich, wie er da sitzt im Boxengebäude des Hungarorings. Die Stallorder-Affäre von Hockenheim, über die vermutlich am 10. September in Paris verhandelt wird, hat ihn bis hierher verfolgt. Und vielleicht wird sie ihn noch den Rest seiner Karriere verfolgen.

Die Pressekonferenz vor dem Großen Preis von Ungarn am Wochenende wurde zu einer emotionalen bis philosophischen Angelegenheit. Es ging um das Für und Wider einer Stallorder wie in Deutschland, als Massa seinem in der WM besser platzierten Teamkollegen Fernando Alonso hatte den Sieg überlassen müssen. Drei Funksprüche mit der Botschaft „Alonso ist schneller als du“ hatte Massa zunächst ignoriert. Erst als sein Renningenieur Rob Smedley ihm die verdeckte Anweisung zum Platzmachen gegeben und eindringlich gefragt hatte, ob er diese Nachricht verstanden habe, ging Massa vom Gas. So offensichtlich, dass es jeder mitbekommen musste, wie widerwillig er es tat. Denn Massa war diesmal bewusst, dass sein Kindheitstraum von der Weltmeisterschaft vor seinen Augen zerplatzte.

Noch will er das nicht wahrhaben. „Das alles macht mich nur noch stärker“, sagte der 29-Jährige am Donnerstag. „Wenn ich eine Nummer zwei wäre, würde ich keine Rennen mehr fahren. Also bin ich es nicht.“ Doch während die Unfallnarbe über Massas linkem Auge längst verheilt ist, wird der Stempel „Nummer zwei“ auf seiner Stirn nicht mehr so schnell abgehen. Seit Hockenheim hat sich Massa endgültig eingereiht in die Ahnengalerie der Wasserträger und Schattenmänner, die zwar schnell, aber nicht egoistisch genug sind, um es ganz nach vorn zu schaffen.

In dieser Reihe steht auch David Coulthard. Der Schotte hatte Ende der neunziger Jahre auf Geheiß seines McLaren- Teams mehrfach für Mika Häkkinen Platz gemacht, der so zweimal Weltmeister wurde. Coulthard bezeichnet dies heute als Knackpunkt seiner Karriere. „Ich habe mich damals gefragt, was passiert wäre, wenn ich mich an die Vorgaben nicht gehalten hätte“, sagte er dem „Daily Telegraph“. „Hätte ich mehr Respekt bekommen? Wäre ich Weltmeister geworden? Oder hätte man mich gefeuert? Massa wird sich solche Fragen auch stellen.“

Auch das Rennfahrerherz des Rubens Barrichello zerbrach. Seine Benachteiligung bei Ferrari gegenüber Michael Schumacher war so offensichtlich, dass sie aufgrund der weltweiten Empörung 2002 das Verbot der Stallorder nach sich zog. „Ich bin deswegen bei Ferrari weggegangen“, sagt Barrichello, aber sein Image als ewige Nummer zwei wurde er nicht los. Inzwischen hat er eine regelrechte Paranoia entwickelt und fühlt sich bei dem kleinsten Indiz vom Team benachteiligt.

Als Barrichello, inzwischen bei Williams, mit dem Schicksal seines Freundes Massa konfrontiert wurde, wurden seine Augen feucht. Er sei sehr traurig gewesen und habe Massa direkt angerufen. „Er fühlt das Gleiche, was ich früher gefühlt habe.“ Dann wurde er philosophisch: Die Stallorder sei zwar verboten, „aber es gibt nun andere Wege, die Fahrer einzubremsen. Wir müssen das stoppen. Wenn man den Titel dann mit einem Punkt verliert, ist das eben so.“ Er würde sich nicht gut fühlen, wenn er nur gewinnen würde, weil er bevorzugt würde. „Deswegen musste ich mein Leben verändern und das Team wechseln.“ Mit diesem Schritt muss sich nun auch Massa auseinandersetzen.

Wie sehr Massa auf die Rolle des gehorsamen Laufburschen geeicht ist, zeigt seine Kampfansage vor dem Großen Preis von Ungarn. „Ich bin hier, um zu gewinnen!“, erklärte er, um dann einzuschränken: „Wenn die Situation es hergibt. Wenn sie anders ist, will ich das Beste für das Team.“ In jedem Fall muss er hoffen, dass ihm nicht wieder Barrichello in die Quere kommt. Aber der beruhigt seinen Freund: „Ich bin bei einem neuen Team – die Feder an meinem neuen Auto hält besser.“

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