Formel 1 : Fünf Kilo sind 0,2 Sekunden

Den Piloten in der Formel 1 droht das große Hungern: viele Fahrer kämpfen mit ihrem Gewicht. Jenson Button, achtet an den Rennwochenenden schon jetzt darauf, „möglichst wenig zu essen“.

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Die fetten Jahre sind vorbei. In der kommenden Saison ändert sich das Gewicht der Formel-1-Rennwagen, vielleicht muss dann auch Sebastian Vettel abspecken. Foto: dpa
Die fetten Jahre sind vorbei. In der kommenden Saison ändert sich das Gewicht der Formel-1-Rennwagen, vielleicht muss dann auch...Foto: dpa

Mark Webber erklärte kürzlich, dass er die jüngsten Jahre über nur darauf bedacht gewesen sei, sein Gewicht so niedrig wie möglich zu halten. Lewis Hamilton klagte, wie sehr er in der Weihnachtszeit seine Tischgenossen beneidete: „Ich sitze da am Tisch und sehe, wie jeder sich einen Riesenhaufen Pfannkuchen mit Waffeln, Eiern und Speck gönnt und ich sterbe – das ist wie eine Strafe für mich.“ Der Formel-1-Pilot berichtete, sein Speiseplan an den Feiertagen habe aus einem Protein-Shake mit Datteln und Rosinen zum Frühstück, Bohnen mit braunem Reis zu Mittag und abends Fisch bestanden. Jenson Button, komplett austrainiert, ein Klasse-Triathlet mit nur sechs Prozent Körperfettanteil, achtet an den Rennwochenenden schon jetzt darauf, „möglichst wenig zu essen“, und dann „hauptsächlich Proteine, keine Kohlenhydrate, weil die ja das Gewicht nach oben treiben“. In der Formel 1 hat längst das großer Hungern begonnen.

„Fünf Kilo Gewicht sind 0,2 Sekunden pro Runde", sagt Button. Wie der Brite fürchten viele der etwas größeren und damit auch automatisch etwas schwereren Fahrer, dass das Problem in der kommenden Saison sogar noch größer wird. Denn in diesem Jahr geht es bei der Gewichtsfrage nur darum, wie viele Kilo ein Team an den schwerpunktmäßig günstigsten Stellen im Auto platziert. Denn das aktuelle Mindestgewicht von 642 Kilogramm wird derzeit von keiner Fahrer-Auto-Kombination direkt erreicht, sondern nur durch zusätzliche kleine Bleigewichte, die dann eben an den best- also tiefstmöglichen Stellen angebracht werden. 2014 aber werden die Formel-1-Autos durch die neuen Antriebseinheiten aus Turbomotoren und Hybridsystemen deutlich schwerer. So deutlich, dass auch die Anhebung des Mindestgewichts im Reglement auf 690 Kilo keine Garantie dafür ist, dass ein Auto mit einem etwas schwereren Piloten darunter bleiben kann.

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh sieht die Problematik auch: „Die Wahrheit ist, dass mit den neuen Regeln das Gewicht zu einer größeren Herausforderung wird. Ein anderer Teamchef hat mir verraten, dass sie nächstes Jahr das Gewichtslimit niemals einhalten können.“ Was gewisse Risiken in sich birgt, die Teams könnten zum Beispiel auf Risiko gehen und einige Komponenten des Autos leichter konstruieren, um das Limit zu erreichen. „Auf den Designteams liegt eine Menge Druck, um Gewicht zu sparen. Die Teams kostet das Geld und zusätzliches Personal, was sie dazu verleiten könnte, die Sicherheit hinten anzustellen“, meint Whitmarsh.

Es könnte aber auch sein, dass größere und schwerere Fahrer in Zukunft überhaupt keine Chance mehr in der Formel 1 bekommen. Zurzeit geht das Gerücht um, dass etwa der 1,84 Meter große Nico Hülkenberg auch aus diesem Grund nicht weit oben auf der Wunschliste bei McLaren steht. Whitmarsh und auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner sind jedenfalls für eine Erhöhung des Gewichtslimits. „Wir müssen uns das genau anschauen“, sagt Sebastian Vettels Boss. Doch Whitmarsh befürchtet, dass es nicht dazu kommen wird: „Es gibt sicherlich Gründe, die dafür sprechen, aber so funktioniert die Formel 1 nicht, oder? Die Teams, die es nicht betrifft, werden alles blocken. So läuft es doch immer ab. Und das macht mir Angst.“ Sebastian Vettel will zwar nicht so recht glauben, dass gerade im Fall Hülkenberg das Gewicht wirklich das entscheidende Kriterium sein soll, „aber wenn es so wäre, dann ist das ein Quark. Das Gewicht sollte nicht den Unterschied machen, schon gar nicht sollte es ein Ausschluss-Kriterium sein.“

Eine wirkliche Lösung für das Gesamtproblem hat die Formel 1 noch nicht gefunden. Denn selbst die Erhöhung des Limits würde schließlich am Vorteil der günstigeren Gewichtsverteilung bei den kleineren und leichteren Fahrern nichts ändern. „Ich weiß nicht genau, wie man das vom Reglement her machen soll, vielleicht kann man die Regeln etwas freizügiger gestalten, um mehr Spielraum zu bieten, etwas an den Fahrer anzupassen“, sagt Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn. „Es kommen immer mehr Fahrer, die größer sind. Und man kann von ihnen nicht verlangen, noch mehr abzunehmen.“ Der junge Russe Sergej Sirotkin, der nächstes Jahr für die Schweizer fahren soll, ist auch nicht gerade klein und leicht.

Eine Entwicklung wie vor Jahren in der Skisprungszene wäre für die Formel 1 jedenfalls mehr als ungesund. „Manche von uns können einfach nicht weiter abnehmen. Man braucht Fleisch auf den Rippen und auch ein paar Muskeln, um ein Formel-1-Auto zu bewegen“, betont Button. Das sieht auch Adrian Sutil so. „Wir brauchen Ausdauer und Kraft und da bringt es nichts, ausgehungert zu sein“, meint der Force-India-Pilot. Vor ein paar Jahren hungerte sich der damalige Toro-Rosso-Fahrer Sebastien Buemi schon einmal in Bereiche um die 60 Kilogramm, gab das dann aber nach einer Saison wieder auf: „Es ging einfach nicht, das hat nichts gebracht. Mit etwas mehr Gewicht waren meine Leistungen deutlich besser.“ Sutil hat zumindest eine – allerdings nicht so ganz ernst gemeinte Idee, wie man dem Problem im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rücken könnte: „Sollen die leichteren Fahrer doch Gewichtswesten tragen – als Ausgleich.“

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