Formel 1 : Im Schatten des Königs

Jahrelang konzentrierten sich die Hoffnungen der britischen Formel-1-Fans auf Jenson Button und David Coulthard – nun sind sie nur noch Komparsen im Hamilton-Hype.

Karin Sturm[Silverstone]

SilverstoneEin Betrachter, der seine Augen nur flüchtig über die Transparente an der Strecke und die Titelseiten der britischen Zeitungen schweifen lässt, könnte zu der Auffassung kommen, nur ein einziger einheimischer Pilot würde beim Grand Prix von Großbritannien an den Start gehen. Lewis Hamilton, „King Lewis I“, die neue Lichtgestalt des Vereinigten Königreichs. Selbst der Campingplatz für die Fans am Rande der Strecke lässt keinen Raum für andere Vermutungen: Er wurde kurzerhand in „Hamilton-Field“ umgetauft.

Tatsächlich starten aber vier Briten beim Rennen in Silverstone (Sonntag, 14 Uhr/live bei RTL und Premiere) – nur dass die drei anderen neben dem Aufsteiger des Jahres kaum noch jemand wahrnimmt. Sie stehen bei ihrem Heimrennen mindestens so im Schatten wie Nick Heidfeld und Co. einst in Hockenheim oder am Nürburgring in Michael Schumachers. Für sie ist der Hamilton-Hype eine bittere Erfahrung. Vor allem Jenson Button leidet still – auch wenn er versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Lewis hat all die Aufmerksamkeit, die er bekommt, redlich verdient, er bringt schließlich in seiner ersten Saison absolute Superleistungen“, sagt der 27-Jährige. Button war vor einigen Jahren selbst die große Hoffnung der Rennsportfans auf den ersten britischen Weltmeister seit Damon Hill 1996. Jahrelang stand er im Mittelpunkt des Interesses im motorsportverrückten Land, auch wenn seine Leistungen dazu nur selten Anlass gaben. Nun entziehen die Briten ihrem einstigen Liebling die Aufmerksamkeit mit einer fast schon brutalen Vehemenz.

Kaum der Erwähnung wert war Jenson Buttons erster Punkt der Saison vor einer Woche in Magny-Cours, an seinen ersten und bisher einzigen Grand-Prix-Sieg im vergangenen Jahr in Ungarn erinnert man sich schon kaum noch. In Silverstone kämpfte er mit einem schlechten Auto auf verlorenem Posten und schied schon im ersten Teil des Qualifyings glanzlos aus, während Hamilton umjubelt auf die Poleposition fuhr. Hinzu kommt, das Buttons Team Honda im Spionageskandal der Formel 1 immer mehr in den Fokus des Interesses rückt. Keine angenehme Situation für Button, um sich in Silverstone seinen Fans positiv, optimistisch und als der große Strahlemann zu präsentieren, der er früher einmal war.

Auch David Coulthard, jahrelang die verlässlichste Instanz des britischen Motorsports, ist hinter dem überlebensgroßen Hamilton kaum zu sehen – genauso wenig wie Anthony Davidson, der vierte Brite im Feld. Selbst Coulthards Vertragsverlängerung bei Red Bull war in den britischen Medien nicht viel mehr als eine Randnotiz. Dass der 36-Jährige der Formel 1 noch ein weiteres Jahr erhalten bleibt, scheint nicht so erwähnenswert wie Hamiltons kurze Ausflüge ins Londoner Nachtleben ein paar Tage vor dem Grand Prix als Gast von Rapper P. Diddy.

Auch wenn der Hamilton-Hype den anderen britischen Piloten ein wenig die Luft zum Atmen nimmt, könnte er freilich das Rennen in Silverstone retten. Die Strecke steht wegen ihrer schlechten Infrastruktur schon lange auf der Abschussliste – auch deshalb, weil Bernie Ecclestone hier nicht so viel Geld verdienen kann wie in Asien oder in der arabischen Welt. Doch angesichts neuer Zuschauerrekorde tut sich auch der Formel-1-Boss mit Sicherheit etwas schwerer, den britischen Grand Prix in der Zukunft endgültig aus dem Kalender zu kippen.

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