Formel 1 in Russland : Sotschi: Putins Geisterstadt lebt

Abseits der Weltpolitik ist das Formel-1-Rennen in Sotschi für die russische Bevölkerung ein ungetrübtes Ereignis. Die Begeisterung vor Ort ist groß - und auch der Tourismus und die Weiternutzung der olympischen Sportstätten soll weiter angekurbelt werden.

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Rennfahren im Freizeitpark: Die als Olympia-Ort aufgemotzte Stadt Sotschi im Süden Russlands ist jetzt erstmals Austragungsstätte eines Formel-1-Rennens.
Rennfahren im Freizeitpark: Die als Olympia-Ort aufgemotzte Stadt Sotschi im Süden Russlands ist jetzt erstmals Austragungsstätte...Foto: AFP

Lewis Hamilton sprengte beim Großen Preis von Russland gleich die offizielle Linie, die gerade die britischen, aber auch viele andere Medien offenbar schon vor der Anreise nach Sotschi festgelegt hatten: „Es gefällt mir hier sehr gut“, sagte der Mercedes-Pilot nach seiner Pole-Position. „Ich lebe ja nur ein paar Flugstunden von hier entfernt, vielleicht komme ich in Zukunft öfter mal her, um ein paar nette Wochenenden zu verbringen.“

Die Worte des WM-Führenden passten nicht so ganz in die Strategie derjenigen, die den Start der Formel 1 in Russland aus politischen Gründen infrage stellen. Eine Diskussion, die in den letzten Tagen nur durch das Drama um Jules Bianchi in den Hintergrund geriet. Als Bayern München bei ZSKA Moskau spielte oder vergangene Woche der Schwimmweltcup in Moskau stattfand, hatte sich doch auch keiner aufgeregt, sagen die Verteidiger des Rennens. Und bei Vergleichen zur Kritik am Grand Prix in Bahrain könnte man anmerken, dass es da schon einen gewaltigen Unterschied gebe: In Bahrain ist der Grand Prix in jedem Jahr Anlass dafür, dass es weitere Unruhen gibt, die dann erneute Polizei- und Militärgewalt nach sich ziehen – und auch die Mehrheit der Bevölkerung dort lehnt das Rennen ab.

In Sotschi ist die Begeisterung der Menschen dagegen groß. Am Donnerstag kamen mehr als 20 000 Menschen zu Autogrammstunden. „Wir mussten Kinder über Zäune heben, weil sie sonst fast erdrückt worden wären“, berichten Sicherheitsleute. Die Menschen, insbesondere die jungen, sind stolz darauf, was sich hier, gut zwei Flugstunden von Moskau entfernt getan hat, durch die Olympischen Winterspiele im Februar, und jetzt auch noch einmal durch die Formel 1. „Meine Eltern sind extra aus Sibirien hierher gekommen, weil sie sich hier bessere Chancen für die Zukunft versprachen“, erzählt Andrej, einer der vielen Volunteers, die rund um das Streckengelände im Einsatz sind. „Erst wollte ich gar nicht mit – aber inzwischen finde ich es toll.“ Er möchte in Zukunft irgendwo in der Tourismusbranche arbeiten, die im Moment in der Stadt zu boomen scheint.

Sportstadt Sotschi - was kommt nach Olympia?
In der Formel 1 steht an diesem Wochenende der Große Preis von Russland in Sotschi an. Sotschi? Ja genau, die Olympiastadt am Schwarzen Meer, in der in diesem Jahr die Winterspiele stattfanden.Alle Bilder anzeigen
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10.10.2014 15:38In der Formel 1 steht an diesem Wochenende der Große Preis von Russland in Sotschi an. Sotschi? Ja genau, die Olympiastadt am...

"Alles war voll und ständig ausgebucht"

Klar, im Moment ist neben dem Grand Prix nicht allzu viel los. „Aber in der Sommersaison waren hier Menschenmassen, alles war voll und ständig ausgebucht“, erzählen Mitarbeiter aus dem Team des deutschen Streckenarchitekten Hermann Tilke, die den ganzen Sommer in Sotschi verbrachten. Eine verhältnismäßig große Zahl russischer Touristen ist auch jetzt noch unterwegs, Mountainbiker genauso wie zum Beispiel eine Familie, die aus der Region des Ural hierhergekommen ist, wie der Vater sagt: „Nicht wegen des Grand Prix, einfach so, um auszuspannen und Urlaub zu machen.“ Sicher, Berge hätten sie bei sich zu Hause auch, aber kein nur 40 Kilometer entferntes Meer, das man bei klarem Himmel sogar von den Berggipfeln aus sehen kann. „Und das Klima hier ist auch viel angenehmer.“

Das Olympiagelände von Sotschi hat Wladimir Putin (l.) im Deal mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone 2010 auch zur Rennstrecke gemacht.
Das Olympiagelände von Sotschi hat Wladimir Putin (l.) im Deal mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone 2010 auch zur Rennstrecke...Foto: imago sportfotodienst

Sicher ist man sich noch nicht, ob es sofort klappen wird, die Gegend als Top-Skiresort zu etablieren, optimistisch ist man aber schon – drei bis fünf Jahre gibt man sich dafür. Einige internationale Hotels werden zu Beginn der Wintersaison ganz neu eröffnen – so auch jenes „Swisshotel“, dessen geschlossene Tore und abgedeckte Sessel eine deutsche Boulevardzeitung als Beispiel für den „Verfall in Putins Geisterstadt“ ausgemacht haben wollte.

Die Zielgruppe ist erst einmal die russische Mittelklasse. „Normale Familien“ will man anziehen, durchaus auch aus dem Ausland, wobei man weiß, dass dazu erst einmal die internationalen Flugverbindungen verbessert werden müssten. Das Skigebiet an sich wirkt jedenfalls, soweit man das derzeit ohne Schnee beurteilen kann, durchaus attraktiv, mit Pisten in allen Schwierigkeitsgraden, vielen Liften – und garantiert, zumindest am Anfang, noch geringeren Wartezeiten als zum Beispiel in vielen Alpenorten.

Mehr Motorsport und ein neues Eishockeyteam

Auch die Olympischen Sportstätten sollen, so weit es geht, weiter genutzt werden – die Langlauf- und Biathlon-Arena wird als Trainingszentrum genutzt, im Bolschoi-Eispalast tritt nun ein neues Team aus Sotschi in der internationalen russischen Eishockey-Liga KHL an. Und rund um die Formel-1-Strecke soll ein Zentrum für den in Russland erst jetzt wirklich neu entstehenden Motorsport wachsen, mit Kartzentrum und Rennen in Nachwuchskategorien.

Warum also so viel kritisiert wird, das kann Dana, die schon während der Winterspiele im Marketing- und PR-Team war, nicht verstehen. Sie sieht in erster Linie die Bemühungen, hier ein tolles Event auf die Beine zu stellen. „Wir wären sehr traurig gewesen, wenn nicht wieder so viele Leute gekommen wären.“

Diese Menschen wären nicht gekommen, wenn es einen Boykott des Rennens gegeben hätte, wie es mancherorts diskutiert worden ist. Doch spricht man mit den Menschen in Sotschi, bekommt man den Eindruck, dass so eine Maßnahme kontraproduktiv gewesen wäre. Hier wäre als Botschaft nur angekommen: Putin hat recht, der Westen mag uns Russen nicht – und wir müssen ihn deshalb ganz besonders gern haben.

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