Formel 1 : Kein Platz für Verlierer

Nach langer Gegenwehr hat das kleine Formel-1-Team Super Aguri den Kampf ums Überleben aufgegeben.

Karin Sturm[Istanbul],Christian Hönicke[Berlin]

Aguri Suzuki macht eine einladende Handbewegung. Seine Augen streifen leuchtend durch die mobile Zentrale seines neuen Teams Super Aguri, die zwar klein, aber sein ist. „Wir fahren hier unsere eigene kleine Weltmeisterschaft“, sagt der Japaner in dem Wissen, dass wohl nie einer seiner Fahrer ein Siegerpodest sehen wird. Das war 2006. Zweimal hatte Aguri Suzuki seither seinen kleinen Titel erringen können, nun hat er die Weltmeisterschaft ums Überleben in der Formel 1 verloren. Super Aguri hat das traditionelle Schicksal eines kleinen Privatteams ereilt: Wegen Finanzkollapses werden die Wagen schon zum Großen Preis der Türkei am Wochenende nicht mehr an den Start gehen. Bis zuletzt kämpfte der 47-jährige Suzuki, vergebens: Er verlor den Hauptsponsor, fand keinen neuen und häufte Schulden von 50 Millionen Dollar beim Mutterkonzern Honda an, der schließlich das Interesse daran verlor, sein Zweitteam künstlich am Leben zu halten. Ein Angebot der deutschen Weigl-Gruppe, das Team zu übernehmen und die Schulden zu begleichen, lehnte Honda ab.

Wie aussichtslos sein Kampf in dem Feld der Automobilgiganten war, darüber war sich Suzuki eigentlich von Anfang an bewusst: „Wir haben 140 Mitarbeiter, Toyota hat 1000.“ Den letzten Sieg eines Privatteams gab es 2004, als Williams mit Juan-Pablo Montoya den Grand Prix von Brasilien gewann. Dass in absehbarer Zeit wieder einmal einer folgen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Während die großen Automobilhersteller mit Etats von bis zu 500 Millionen Euro in die Saison gehen, konnte Suzuki nur ein Bruchteil dessen aufbringen. 120 Millionen Euro hat Colin Kolles, als Teamchef von Force India ein Leidensgenosse Suzukis im Titelkampf ums Überleben, einmal als Minimal-Budget genannt, um sich in der Formel 1 halten zu können. Das mit Sponsorengeld abzudecken, ist in der derzeitigen Wirtschaftslage fast unmöglich. Vorn mitfahren kann man damit zudem noch lange nicht, das wird selbst bei der doppelten Summe schwierig. In diesen Bereichen können sich eigentlich nur noch die großen Hersteller bewegen. Kandidaten für einen Einstieg in die Formel 1 sind unter diesen Bedingungen weit und breit nicht zu sehen. Vor allem nicht, wenn man den Erfolg des letzten großen Neueinsteigers Toyota betrachtet: Seit 2002 haben die Japaner mehr als eine Milliarde Euro investiert. Ein Sieg sprang bisher nicht heraus.

Der gelang auch dem Team des ehemaligen Grand-Prix-Piloten Suzuki erwartungsgemäß nicht. Dennoch vollbrachte er beinahe Sensationelles: Mit dem aus Honda-Teilen zusammengebastelten Auto holten seine Piloten insgesamt vier WM-Punkte – fast genauso viel wie der Mutterkonzern im gleichen Zeitraum mit einem Vielfachen des Budgets.

Für die Formel muss das Ende von Super Aguri ein lautes Warnsignal sein. Nicht nur, dass jetzt in Istanbul erstmals seit Ende 2005 wieder nur 20 Autos am Start sind. In zwei Jahren könnten es gar nur noch 18 sein: Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat bereits angekündigt, sein Zweitteam Toro Rosso nicht mehr weiterführen zu wollen. Denn dann muss jedes Team sein eigenes Chassis bauen, statt es günstig von einem größeren Werk einzukaufen. Und auch der Rennstall, der früher mal Jordan, zwischendurch Midland und Spyker hieß und momentan Force India heißt, rettete sich in der Vergangenheit nur von Übernahme zu Übernahme. Dennoch will Teamchef Colin Kolles nicht aufgeben. Kein Chef eines Großkonzerns wolle seine Autos schließlich auf dem letzten Platz herumschleichen sehen, sagt der Deutsche: „Wir werden als Verlierer gebraucht.“ Nun hat er in dieser Disziplin einen Konkurrenten weniger.

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