• Formel 1: Langsam, aber sicher: Nach dem Grand Prix wird der Hockenheimring umgebaut

Sport : Formel 1: Langsam, aber sicher: Nach dem Grand Prix wird der Hockenheimring umgebaut

Christian Hönicke

Der Größte war tot. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht: Auf einer Strecke, die er selbst "lächerlich einfach" zu nennen pflegte, hatte es ihn dahingerafft. Jim Clark, der zweifache Weltmeister und unumstritten beste Fahrer seiner Epoche, hatte 1968 auf dem Hockenheimring sein Leben verloren und die ganze Formel-1-Welt in einen Schockzustand versetzt.

Hatte man den nordbadischen Kurs wegen seiner fahrerisch anspruchslosen Charakteristik am Anfang belächelt, schlug ihm nach Clarks Tod gerade von der britischen Insel unverhohlener Hass entgegen. Die Rehabilitation des Hockenheimrings erfolgte erst, als ein gewisser Ayrton Senna in die Formel 1 kam, dreimal Weltmeister wurde und die Strecke zum großen Erstaunen aller Fachleute zu seinem Lieblingskurs erklärte. Ironischerweise war es Senna selbst, der das Ende des ursprünglichen Hockenheimrings einläutete. In der nach seinem tödlichen Unfall in Imola 1994 neu entflammten Sicherheitsdebatte war allen Beteiligten klar, dass den Windschattenschlachten bei Tempo 340 auf schier endlosen Geraden durch den Hockenheimer Forst früher oder später Einhalt geboten werden musste.

Wie die Betreiber den Kurs in seiner jetzigen Form bis heute im Formel-1-Programm halten konnten, während andere Pisten umgestaltet oder ganz aus dem Kalender gestrichen wurden, bleibt ihr Geheimnis. Gerade die drei Schikanen, in deren Anfahrt die Wagen stark abgebremst werden, sind Risikofaktoren. Bei einem Bremsdefekt könnten sich die asphaltierten "Notausgänge" als nutzlos erweisen, wenn die Wagen ungebremst über die Abweiser schießen und sich im schlimmsten Fall gar überschlagen. Doch selbst eine korrekte Durchfahrt der Schikanen schließt eine Katastrophe nicht aus. Auf der Jagd nach der schnellsten Runde hetzen die Fahrer ihre Renner so rigoros über die Randsteine, dass Schäden, beispielsweise ein Bruch der Radaufhängung, keine Seltenheit sind. Auf den folgenden langen Geraden könnte ein solcher Defekt verheerende Folgen haben. Zudem ist der Asphalt vor allem in den Anbremszonen derart wellig, dass sich die Piloten Jahr für Jahr beschweren, sie hätten die Autos kaum noch unter Kontrolle.

Auch die lang gezogene Ostkurve, die mit mehr als 280 Stundenkilometern durchquert wird, ist sicherheitstechnisch kaum zu verantworten. Ein Auslauf ist praktisch nicht vorhanden. Experten vergleichen die Kehre mit der Tamburello-Kurve in Imola, in die Ayrton Senna vor sieben Jahren hinein-, aber nicht mehr lebend herausfuhr. Nach dem Tod des Brasilianers wurde diese verlangsamt und mit schützenden Kiesbetten umgeben - die Hockenheimer Ostkurve blieb bis heute unverändert.

Nach dem heutigen Rennen ist es aber so weit: Die 6,8 Kilometer lange Rundstrecke wird auf den gängigen Formel-1-Durchschnitt von 4500 Metern verkürzt. Derzeitige Durchschnittstempi von 240 Stundenkilometern werden sich nach dem 90 Millionen Mark teuren Umbau nicht mehr realisieren lassen. Mit den von den drei Bremsschikanen unterbrochenen Waldgeraden und der Ostkurve werden die größten Gefahrenstellen verschwinden. Der neue Kurs wird durch eine höhere Kurvenanzahl langsamer und damit sicherer. Ein Unsicherheitsfaktor wird jedoch bleiben: die Nordkurve. Damon Hill und auch Michael Schumacher spürten bereits, dass die Begrenzungsmauern hier bedrohlich nahe an der Strecke stehen. Daran wird sich auch nichts ändern, da die Zuschauertribünen einer Vergrößerung der Auslaufzone im Weg stehen.

Während außer dem Motodrom auch kleine Teile der Waldgeraden in das neue Streckenbild einbezogen werden, sollen die übrigen Sektoren zurückgebaut und mit Bäumen bepflanzt werden. Die Umbauten werden aber auch andere positive Begleiteffekte mit sich bringen. So wird die Zuschauerkapazität des chronisch ausverkauften Hockenheimrings von 83 000 auf 120 000 erhöht. Sponsoren dürfen sich darüber freuen, dass die Wagen wegen der kürzeren Strecke künftig knapp 70-mal statt bisher 45-mal an den Werbebannern entlang der Strecke vorbeifahren. Auch Formel-1-Chef Bernie Ecclestone ist von den Umbauplänen angetan, weshalb er den Kontrakt mit der betreibenden Hockenheim-Ring GmbH auch postwendend bis 2008 verlängerte. Wie sehr diese darauf angewiesen ist, zeigt die Tatsache, dass die Einnahmen an den Grand-Prix-Wochenenden mehr als die Hälfte der 14 Millionen Mark Jahresumsatz ausmachen.

Mit den Zukunftsängsten der Hockenheim-Ring GmbH und den Sicherheitsbedenken der Fahrer verschwindet jedoch ein Stück Tradition aus der Formel 1. Selbst wenn das Jim Clark vermutlich mit Genugtuung sehen würde.

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