• Formel-1-Legende Frank Williams: "Der Tod war da, aber man sprach nicht über ihn"

Formel-1-Legende Frank Williams : "Der Tod war da, aber man sprach nicht über ihn"

Frank Williams erinnert sich an seine fast 40 Jahre als Teamchef in der Formel 1, an Tragödien, Partys und die Entwicklung zum großen Geschäft.

Frank Williams
Frank Williams, 66Foto: AFP

Herr Williams, vergangene Woche fuhr die Formel 1 in der Glitzerwelt von Singapur, nächste Woche geht es zum Hightechkurs nach Fuji. Können Sie sich noch daran erinnern, wie es bei Ihrem ersten Rennen aussah?

Alles war viel provisorischer. Es gab keine Motorhomes und keine Garagen wie heutzutage. Die Boxengasse war Teil der Strecke und potenziell sehr gefährlich. Das Fahrerlager war winzig, Toiletten existierten nicht. Wenn du etwas essen wolltest, konntest du Glück haben und einen Hotdog oder Hamburger kaufen, aber normalerweise musstest du etwas mitbringen. Und die ganze Technologie gab es nicht.

Wann fing aus Ihrer Sicht die Moderne an, mit den Motorhomes, der vielen Technik und dem ganzen Luxus?

Ich glaube, McLaren hatte in den Siebzigern oder Achtzigern das erste Motorhome. Oder halt nein, Lotus-Chef Colin Chapman hat das erste gekauft. Er hatte es von den Amerikanern, die schon 10 Jahre vor uns Motorhomes hatten, ein richtiges Luxusding. McLarens Ron Dennis wollte dann auch eins, er war der Erste, der sich eins bauen ließ. Dann wollte jeder eins, schöner und größer als das der anderen, um Prestige und Sponsoren zu gewinnen.

Wenn man heute durch das Fahrerlager an den prächtigen Motorhomes vorbeiläuft, könnte man den Eindruck bekommen, die Teams seien Raumschiffe im gleichen Universum, aber auf verschiedenen Umlaufbahnen. Findet ab und zu ein Rendezvous statt?

Naja, ich denke, die Spieler und Verantwortlichen von Manchester United und Chelsea treffen sich auch nicht jeden Tag zur Kontaktpflege. In dieser Hinsicht sehen sich die Teamchefs ziemlich häufig, allein schon bei den formellen Treffen.

Die Fahrer aber begegnen sich kaum an der Strecke.

Sie verbringen eben viel Zeit in den Motorhomes mit Besprechungen und Sponsorenterminen. Vermutlich treffen sie sich eher in der Nacht. Außerdem leben ja alle in Monte Carlo, das ist sehr klein, da werden sie sich schon hin und wieder über den Weg laufen.

Sind Freundschaften in der Formel 1 überhaupt möglich?

Manche Fahrer sind gute Freunde, Teamchefs dagegen nicht so sehr. Ich komme ganz gut mit Flavio Briatore von Renault und Mario Theissen von BMW aus. Stefano Domenicali von Ferrari kenne ich nicht so gut, aber ich mag seinen Vorgänger. Jean Todt ist ein echter Gentleman.

Wann haben Sie Ihre Nachbarn im Fahrerlager das letzte Mal besucht?

Ich glaube, das war 2003, ich bin mir aber nicht sicher. Ist jedenfalls schon ein paar Jahre her.

Wissen Sie noch, welches Team es war?

Ich würde mal tippen, McLaren oder Ferrari. Zu dieser Zeit waren die immer unsere Nachbarn.

Die Motorhomes werden nach den Platzierungen des Vorjahres aufgestellt. Laden sich neue Nachbarn nicht mal zum Kennenlernen ein?

Solche sozialen Angelegenheiten würden niemals auf meinem Schreibtisch landen. Aber ich glaube nicht, dass es so was gibt.

Gab es so was früher?

Es gab mehr Partys, mehr Kontakte, mehr Zeit für große gemeinsame Abendessen. In dieser Hinsicht war es spaßiger, heute ist alles viel ernster.

So spaßig, dass auch mal ein Fahrer mit Restalkohol ins Auto gestiegen ist?

Nein, das habe ich nie erlebt. Vielleicht in Hollywood, aber nicht in der Formel 1.

Aber in den Sechzigern waren die Piloten doch bestimmt anders drauf als heute zum Beispiel Ihr Fahrer Nico Rosberg?

Sie waren längst nicht so professionell. Sie kamen an die Strecke, machten ihr Ding und hatten eine schöne Zeit. Die Teambesprechungen waren äußerst kurz, danach gingen die Fahrer meist mit ihren Frauen oder Freundinnen und Freunden noch aus. Ich glaube, die Piloten waren entspannter als heute. Und sie gingen viel mehr Risiko ein. Die Autos waren viel unsicherer, bei einem Unfall konnte man ernsthaft verletzt werden.

Sie verloren 1970 Ihren Freund und Fahrer Piers Courage durch einen Unfall.

Es gab schwierige Zeiten, auch für mich persönlich. Deswegen schaue ich nicht zurück und denke: Wow, das waren wundervolle Zeiten. Es war eine interessante Zeit und ich genieße es, Teil davon gewesen zu sein. Aber ich bin glücklicher heute, wo es sicherer, wenn auch härter und anstrengender in der Formel 1 ist.

Wurde damals im Fahrerlager über den Tod geredet oder gewitzelt?

Nein. Die Formel 1 war eine winzige Nische in der Gesellschaft – eine kleine Gruppe junger Männer, die ihre Risiken kannte. Jeder wusste, er konnte der nächste sein. Der Tod war da, aber man sprach nicht über ihn.

Dafür standen offenbar andere Sachen im Vordergrund. James Hunt kam mal mit einem Aufnäher an die Strecke, auf dem stand: „Sex is a high performance thing“.

Früher gab es mehr Freiheit, sich selbst auszudrücken. Heute dürfte er das in meinem Team nicht mehr tragen. Die Formel 1 ist sehr unternehmensorientiert geworden, wenn du mitverdienen willst, musst du dich entsprechend verhalten.

Man hat den Eindruck, das Geschäft ist wichtiger geworden als der Sport.

So läuft das eben. Natürlich ist das Team nicht gegründet worden, um damit Geld zu machen, aber Sport ist ein großer globaler Fernsehmarkt geworden. Die Formel 1 zieht mehr Geld an, kostet aber auch mehr. In unserer ersten Saison hatten wir etwa 100 000 Pfund zur Verfügung, in dieser Saison geben wir knapp 100 Millionen Pfund aus. Alle sind ständig im Stress, um mitzuhalten oder an die Spitze zu kommen. Niemand will überholt werden.

In diesem Rennen sind auch nationale Schranken gefallen. Zu Beginn Ihrer Karriere arbeiteten Italiener für Ferrari, Engländer für Lotus oder Williams, Franzosen für Ligier. Heute arbeitet jeder für jeden.

Vor 20, 30 oder 40 Jahren wurde noch ein bisschen mehr die Nationalflagge geschwenkt, nicht nur im übertragenen Sinne. Es war normal, dass der Sieger mit der Fahne seines Landes durch die Auslaufrunde fuhr. Einige Leute glauben, es ging nur darum, das Gewicht des Autos künstlich zu erhöhen, damit es das Minimalgewicht erreichte. Aber das ist Blödsinn. Niemand hat das deswegen getan.

Heute hält kaum noch ein Sieger die Flagge seines Landes in den Wind.

Es hat sich alles mehr in Richtung der Unternehmen verlagert, jetzt werden die Flaggen der Produkte geschwenkt. Vielleicht sind die Leute auch weniger nationalistisch als noch vor 30 Jahren.

Früher wurden die Rennen auch noch mit der karierten Flagge auf der Strecke gestartet und beendet – manchmal auf sehr artistische Weise.

Ja, da war dieser Franzose, der hat das für ein paar Jahre gemacht. Er war aber nicht besonders akkurat, im Gegensatz zu den Startampeln heute, also vermisse ich ihn nicht sehr. Ich kann mich nicht einmal an seinen Namen erinnern.

Während des Rennens kann das Team heute auf unzähligen Monitoren Bilder und Daten jedes Autos sehen. Wie erfuhr man denn früher, was passierte, wenn ein Fahrer nicht rechtzeitig über die Ziellinie raste?

1969 wurde nichts live übertragen, am Abend lief ein bisschen was im Fernsehen. Wenn ein Pilot fehlte, musste man warten, bis die Streckenposten der Rennleitung ihre Meldung übermittelten. Und die Rennleitung hat es dann mir erzählt.

Und bis dahin haben Sie gezittert, weil die Strecken damals so gefährlich waren?

Ja, in Spa und auf dem Nürburgring rasten die Fahrer zum Beispiel die ganze Zeit direkt an Häusern und Bäumen vorbei. Auch in Monza ging es in den Sechzigern noch direkt durch den Wald, ohne Zäune. Es gab auch ein Rennen in Frankreich in Clermont-Ferrand. Das fand auf öffentlichen Straßen im Zentralmassiv statt und war unglaublich gefährlich.

Heute ist alles viel sicherer – manche sagen auch: langweiliger. Haben Sie irgendwann mal den Spaß an der Formel 1 verloren?

In der Formel 1 ging es nie um Spaß, es war immer ein verbissener Wettbewerb. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Und Sie sind immer noch genauso verbissen dabei wie vor 40 Jahren?

Ich hoffe doch. Ich hoffe.


– Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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