Sport : Formel 1: Mister Newtown

Karin Sturm

Newtown heißt ein neuer Bar-Restaurant-Discotheken-Komplex in der Crescent Street, einer der In-Straßen im nächtlichen Montreal. Newtown, das ist nichts anderes als die englische Übersetzung des Namens des Besitzers, der am vergangenen Samstag auch zur großen Eröffnung kam, womit die kanadische Grand-Prix-Woche offiziell begann. Denn noch ist der Hauptjob des Chefs hier in Quebec nicht der, das Montrealer Nachtleben noch weiter zu verbessern, sondern sein Auto möglichst schnell um die Rennstrecke zu bewegen, die den Namen seines Vaters Gilles trägt. Und da sind die Erwartungen an Mr. Newtown alias Jacques Villeneuve hoch. In Kanada möchte man den Lokalhelden im BAR-Honda endlich einmal vorne sehen.

Eine Chance besteht, "aber die Ergebnisse, die wir in diesem Jahr erreicht haben, gleichen ein bisschen einer Achterbahnfahrt", gibt Villeneuve zu. Da steht auf der positiven Seite der - wenn auch etwas glückliche - dritte Platz von Barcelona, das erste Podium für BAR überhaupt, dann zuletzt vor zwei Wochen der vierte Rang auf dem von ihm so ungeliebten Straßenkurs von Monaco, aber auch Enttäuschungen wie in Österreich, "wo ich das Auto einfach nicht hingekriegt habe, nicht gut mit meinen Ingenieuren zusammengearbeitet habe", und natürlich der Tiefpunkt gleich zu Saisonbeginn, der Unfall mit Ralf Schumacher in Australien, der einen Streckenposten das Leben kostete und der ihn tiefer traf, als er nach außen zugab.

Generell sieht der 30-Jährige, der am BAR-Team auch finanziell beteiligt ist, aber einen Aufwärtstrend seit dem Beginn 1999: "Der Unterschied zwischen uns und vielen anderen neuen Teams war, dass wir von Anfang an ein großes Team mit entsprechenden Ressourcen, guten Leuten und auch entsprechenden finanziellen Mitteln waren. Deswegen sind wir davon ausgegangen, auch die Anfangsschwierigkeiten schneller überwinden zu können. Die Erwartungen waren sehr hoch, wir haben uns auf einer Ebene mit den Top-Teams gefühlt, aber uns hat eben dann doch die Erfahrung gefehlt."

Druck vom Routinier

Die bringt jetzt auch der zweite Fahrer: Mit dem Franzosen Olivier Panis, der in der vergangenen Saison als Testpilot bei McLaren-Mercedes die gleichen Zeiten fuhr wie Mika Häkkinen und David Coulthard und viel über die Arbeitsweise dort lernte, hat Villeneuve nicht nur einen technisch guten, sondern auch einen sehr schnellen Mann an seiner Seite. "Ich habe Olivier dafür geholt, dass er Jacques Beine macht", sagt Teamchef Craig Pollock, Villeneuves Freund und einst Skilehrer des Kanadiers im Schweizer Internat. "Ich wollte jemanden, der gut ist, der seine Sprache spricht und der ihm auch mal die Meinung sagt. Ich war überzeugt, dass er noch ein bisschen besser sein kann, wenn er ein bisschen Druck bekommt." Erstaunlicherweise hat das noch nicht zum internen Streit geführt - im Gegenteil: Villeneuve und Panis sprechen mit größter Hochachtung voneinander, verfolgen gemeinsame Ziele: "Wir fordern uns, arbeiten aber sehr gut zusammen. Das ist der optimale Weg, um das Team nach vorne zu bringen."

Erfolge braucht BAR dringend, auch deshalb, um den Motorenpartner Honda langfristig zu halten. Denn schon bald werden die Japaner wohl entscheiden, nur noch entweder BAR oder Jordan weiter mit Werksmotoren auszustatten. Und Villeneuve, der Weltmeister von 1997, wartet schon seit Oktober 1997, seit dem Grand Prix von Luxemburg auf dem Nürburgring, auf einen neuen Sieg. Hat er keine Angst, dass seine Karriere im Sande verläuft, wenn nicht bald neue Erfolge kommen? "Ich habe schon gewonnen, daher weiß ich, dass ich es kann und ich weiß, dass ich es auch heute noch kann."

Mit Ausstiegsklausel

Villeneuve hat in seinem Vertrag eine erfolgsabhängige Ausstiegsklausel, könnte BAR also verlassen. "Aber dafür gibt es für mich keinen Grund, solange das Team so hart zu arbeiten bereit ist wie im Moment, um weiter nach vorne zu kommen. Erst wenn man sich mit dem, was man bis jetzt erreicht hat, zufrieden geben würde, wäre das für mich ein Grund zum Gehen." Noch kann er offensichtlich warten - sein Renn-Ingenieur Jock Clear, der mit ihm Ende 1998 von Williams zu BAR wechselte, hat beobachtet, wie sich Villeneuve in den BAR-Jahren verändert hat: "Gerade durch diese schwierige Zeit hat er Geduld gelernt, ist reifer und ruhiger geworden."

Auch neben der Strecke, wenn es politisch wird. Hat sich doch tatsächlich das Büro für die französische Sprache im separatistischen Quebec über den englischen Namen des Newtown erregt. Villeneuve quittiert das mit einem Lächeln. Und gibt als zwar überzeugter, aber weltoffener und mehrsprachiger Quebecer seinen Landsleuten den guten Rat: "Die Welt ist groß, man muss doch ein bisschen über die eigene Nasenspitze hinausschauen. In der Schweiz existieren auch drei oder vier Sprachen nebeneinander. Und die englische Sprache hat französische Worte integriert. Also was soll das Ganze?"

Klartext Marke Villeneuve eben - und jetzt hat Quebec in den Tagen bis zum Rennen noch ein neues Diskussionsthema.

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