Sport : Formel 1: Mythos Mika

Frank Bachner

Manchmal taucht der Albtraum in den Wohnzimmern auf. Er hat dann so etwas besonders Schreckliches, er dringt dann in die Idylle ein. Der Alptraum hat Namen. Mika Myllylä. Oder Harri Kirvesniemi. Oder Milla Jauho. Früher waren das Namen von Idolen. Skilangläufer sind in Finnland ja Idole. Aber sechs ihrer Idole waren bei der Ski-WM in Lahti, im Winter, gedopt. Und jetzt stehen diese Namen für den Albtraum einer Nation. Manchmal taucht einer dieser Läufer wieder im finnischen Fernsehen auf, so als wäre es notwendig, die Sportfans immer wieder an den Skandal zu erinnern.

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Online-Gaming: meinberlin.de sucht den Formel-1-Champion! Es ist aber nicht notwendig. "Wir werden diese Schande nie vergessen,", sagt Heikki Kulta, ein bekannter finnischer Sportjournalist. Deshalb ist jetzt Mika so wichtig. Mika Häkkinen, der finnische Formel-1-Rennfahrer. Sie brauchen jetzt so etwas wie einen Erlöser in Finnland. Einen, der für Ehre und Stolz und sauberen Erfolg steht. Deshalb war es auch so wichtig, dass Häkkinen vor 14 Tagen in Silverstone gewonnen hat. "Er hat der Nation die Reputation wieder gegeben", sagt Kulta, einer der besten Häkkinen-Kenner der Formel-1-Szene. "Die Leute haben so große Erwartungen in ihn gesetzt." Häkkinen hat geweint nach seinem Sieg. Wegen des Sieges, aber auch, weil sich die Anspannung der Nation auch auf ihn übertragen hat. In Finnland tanzten die Leute in den Bars, sagt Kulta. Sie mussten ihre extreme Anspannung abreagieren. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Häkkinen morgen wieder gewinnt. Oder zumindest vorne mitfährt.

Es ist klar, dass nur Häkkinen die Ehre der Nation so retten kann, dass die Nation diese Ehre wieder spürt. Häkkinen ist der populärste Sportler des Landes. Dreimal, 1997, 1998, 1999, haben ihn die Leute zum beliebtesten Finnen gewählt. 1998 und 1999 war Häkkinen Weltmeister. Fans, wie die 17-jährige Kaisa Remula kreischen, wenn sie Häkkinen im Fernsehen sehen und schlafen in Bettwäsche mit seinem Gesicht und seinem Namen. Aber das würden sie auch bei Popstars machen. Doch Häkkinen ist mehr in Finnland. Ski-Langläufer, Speerwerfer und Eishockeyspieler sind Idole. Häkkinen aber ist, für unzählige Fans jedenfalls, ein Mythos. In ihm, sagt Kulta, sehen sich die Finnen wieder. Fünf Millionen Einwohner hat Finnland. Wenn Häkkinen fährt, sitzt regelmäßig eine Million vor dem Fernseher. Der Spitzenwert waren 1,7 Millionen Fans. Die Ski-WM hatte eine Quote von 1,5 Millionen. Und während der Eishockey-WM riefen finnische Eishockeyspieler Kulta an. Was gibt es neues von Mika?, fragten sie. Als Häkkinen in Barcelona kurz vor dem Ziel liegen blieb, sagt Kulta, "weinten Männer auf offener Straße".

Und die Traditionalisten der Sportfans schluckten zumindest. Für sie, die Älteren, ist die Formel 1 eigentlich kein richtiger Sport. Sie mögen Speerwerfer und Skilangläufer. Aber gerade durch diese Skilangläufer fühlen sie sich jetzt beschmutzt. Nur einer kann ihre zutiefst verletzte Seele wieder heilen. Häkkinen. Deshalb steht jetzt das gesamte Volk hinter dem 32-Jährigen.

Aber der Erlöser ließ sie erstmal im Stich. Häkkinen schied in fünf von elf Rennen aus, er hat keine Chance mehr auf den WM-Titel. Als die Nation ihn so sehr brauchte, konnte er sie nicht sofort erlösen. Das war das Schlimmste. "Alle waren so depressiv", sagt Kulta. Aber sie hatten kein Ventil, um ihren Frust loszuwerden. Dafür ist Häkkinen zu sehr Mythos. "Niemand", sagt Timo Järviö von der Tageszeitung "Helsinki Sonomad", "hat Mika richtig kritisiert."

Natürlich ist die Ehre noch nicht wieder hergestellt. Dafür ist ein Sieg zu wenig und das Doping-Trauma zu tief. Ein Sieg in Hockenheim wäre ein weiterer Schritt. Ein verdammt wichtiger. Denn in ein paar Monaten beginnt wieder der Winter. Und dann kommt Salt Lake City, die Olympischen Winterspiele. "Spätestens dann", sagt Kulta, "kommt alles wieder richtig hoch."

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