Formel 1 : Nachspiel auf dem Minenfeld

Die Formel-1-Teamchefs Jean Todt und Ron Dennis stehen vor schweren Wochen.

Karin Sturm[Sao Paulo]
Todt
Zwei mit Problemen: Ferraris Jean Todt und McLaren-Chef Ron Dennis. -Foto: AFP

Nur mit Mühe bewahrte Ron Dennis die Fassung. „In Situationen wie diesen muss man erst einmal in sich gehen“, hauchte der Teamchef des Formel-1-Rennstalls McLaren-Mercedes. „Wir müssen mit dieser Niederlage leben.“ Es war eine der schwersten, die der erfolgreichste Manager der Formel-1-Geschichte hinnehmen musste. Nicht nur, dass Dennis in letzter Sekunde die schon fast sicher geglaubte Fahrer-Weltmeisterschaft verlor, er hat im eigenen Haus ein Minenfeld, das es in den nächsten Wochen zu räumen gilt. Immerhin kann sich der Brite damit trösten, dass Letzteres auch auf seinen Intimfeind Jean Todt zutrifft. Der Teamchef von Ferrari durfte sich zwar warme Worte von angeblich perfekter Harmonie anhören, dennoch ist alles andere als sicher, ob die Mannschaft in der gleichen Besetzung auch 2008 angehen wird. Vor allem Todts Position selbst ist keineswegs sicher.

So verwundert es nicht, dass Jean Todt nach Räikkönens Sieg irgendwie nicht wirklich überglücklich und wie im siebten Himmel wirkte, wie man es nach einem solch überraschenden Triumph hätte erwarten können. Der Franzose machte einen eher ernsten Eindruck. Dass bei Ferrari intern ein heftiger Machtkampf zwischen Todt und Ferraris Präsident Luca di Montezemolo tobt, ist inzwischen längst ein offenes Geheimnis. Di Montezemolo macht Todt für interne Unzulänglichkeiten verantwortlich. Am Dienstag findet im Ferrari-Hauptquartier in Maranello eine Aufsichtsratssitzung des Mutterkonzerns Fiat statt, und italienische Quellen wollen wissen, dass es sehr gut möglich sei, dass Todt danach nicht mehr Ferrari-Teamchef sein werde – sondern Ross Brawn, der Macher aus der Schumacher-Ära. Mit dem unerwarteten Titel könnte Todt seinen Job noch einmal gerettet haben. Verwirrung stiftet daneben auch die Meldung von der Vertragsverlängerung mit dem zweiten Piloten Felipe Massa bis 2010. Denn die passte nun so gar nicht ins Bild, weiß man doch, dass di Montezemolo den Brasilianer eigentlich lieber heute als morgen durch den bei McLaren unglücklichen Fernando Alonso ersetzen möchte.

Dass Alonso nach all den Streitereien mit Ron Dennis, die bis hin zu Erpressungsversuchen reichten, bei McLaren bleibt, ist jedenfalls kaum noch vorstellbar. Der sensible Spanier, der McLaren mit seiner Entwicklungsarbeit wieder an die Spitze geführt hatte, fühlte sich nicht angemessen behandelt und destabilisierte daraufhin mit seinem Aufbegehren das Team. Dennis muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die WM verspielt zu haben, weil er aus Überzeugung und Sympathie mit seinem Zögling Lewis Hamilton keine klaren Hierarchien unter den Piloten eingeführt hat und dadurch den internen Zwist begünstigte. „Wir hatten Top-Fahrer und ein Top-Auto – und trotzdem konnten wir es nicht nutzen“, sagt Alonsos Renningenieur Mark Slade. „Wir haben sicher Fehler gemacht. Wir haben Fernando nicht verstanden – mit dem Ergebnis, dass er auch uns nicht verstanden und dann zugemacht hat.“ Slade kann sich im Übrigen immer noch nicht erklären, warum Alonso im Qualifying in Schanghai plötzlich einen zu hohen Reifendruck hatte. Der Spanier war deshalb deutlich langsamer als Hamilton und trat daraufhin in der Box wütend eine Tür ein. „McLaren hat es verbockt“, sagte Alonso am Montag, und es war klar, wen er meinte, als er von „Fehlentscheidungen in der zweiten Saisonhälfte“ sprach, die „den Titel gekostet haben. Jeder Einzelne muss seine Konsequenzen daraus ziehen.“

Auch Kimi Räikkönens Manager Steve Robertson nutzte die Chance, dem angeschlagenen Ron Dennis noch einen kleinen Hieb zu verpassen. Sein Klient habe in seiner Zeit bei McLaren auch so seine Erfahrungen mit Dennis’ Ego gemacht, erklärte er. Räikkönen habe sich immer wieder einiges anhören müssen, worüber er alles andere als glücklich gewesen sei.

Der Motorenpartner verteidigte zwar Dennis’ Führungsstil immer wieder. „Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen“, sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Doch auch ihm dürfte nicht entgangen sein, dass der Verlust beider Titel und die Spionageaffäre in Dennis’ Befugnisbereich fielen. Wie auch die Entscheidung, Hamilton trotz Reifenproblemen in China auf der Strecke zu lassen, woraufhin dieser im Kiesbett landete. „Die Reifenstrategie war im Nachhinein abenteuerlich“, räumte Haug ein.

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