Formel 1 : Neues aus Spy Valley

Die Formel-1-Spione wollten sich bei Honda bewerben. Die geheimen Ferrari-Daten sollten den Ingenieuren Türen öffnen.

Karin Sturm[Silverstone]

Als das Formel-1-Team McLaren-Mercedes am Donnerstag in Silverstone seine neue dreistöckige mobile Teamzentrale einweihte, kam der dazu gereichte australische Weißwein ausgerechnet aus dem „Spy Valley“. Und das mitten in der Spionageaffäre um den Ferrari-Mitarbeiter Nigel Stepney und den McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan. Dass die Angelegenheit aber gerade für Ron Dennis’ Team alles andere als witzig ist, zeigte sich wenig später. Da kämpfte der als knallhart verschrieene McLaren-Chef mit den Tränen – und um seine Ehre: „Ich lebe und atme dieses Team“, brachte er mühsam heraus. „Das gibt es einfach nicht, dass in unserem Team etwas Unkorrektes passiert sein könnte.“ Dennis machen die Gerüchte, McLaren könnte von Stepneys an Coughlan weitergegebenen Daten profitiert haben, schwer zu schaffen. Immerhin bekommt er von anderen führenden Persönlichkeiten in der Formel 1 Unterstützung. Mike Gascoyne etwa, früher Technikchef von Renault und Toyota, jetzt bei Spyker, ist überzeugt: „Erstens ist McLaren ein Team mit 30 Jahren Erfahrung, die brauchen so etwas doch gar nicht. Und zweitens kenne ich Ron gut genug, um sicher zu sein, dass er sich nie auf so etwas einlassen würde.“

Dass durch solche Datentransfers überhaupt viel zu gewinnen sei, bezweifelt auch BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. „Bei den meisten Entwicklungen ist es so: Was bei uns funktioniert, muss nicht bei einem anderen Auto funktionieren. Man muss erst das Verständnis für die Funktionsweise entwickeln, quasi rückwärts gehen, und dann versuchen, die neue Idee im eigenen Paket umzusetzen. Das ist keine einfache Aufgabe.“ Es könne sogar sein, dass „eine technische Lösung in einem Paket funktioniert, in einem anderen aber das Gegenteil bewirkt“. Weil natürlich auch BMW nicht vor Spionageaffären gefeit ist, macht sich Theissen über Schutzmaßnahmen Gedanken. „Man könnte den Mitarbeitern nur noch die Informationen geben oder zugänglich machen, die sie für ihren Job benötigen“, nennt Theissen eine. „Das ist aber nicht unsere Philosophie. Der Mitarbeiter kann dann nicht über den Tellerrand hinausschauen und kann die Gesamtzusammenhänge nicht erkennen.“

Die neuesten Entwicklungen in der Affäre dürften Ron Dennis’ Laune vor dem Grand Prix von Großbritannien immerhin etwas verbessern. So soll Jonathan Neale, der Technische Direktor von McLaren, Coughlan aufgefordert haben, die Dokumente umgehend zu vernichten, nachdem er davon erfahren hatte. Ohnehin waren die 500 Seiten geheimen Materials offenbar nicht für McLaren bestimmt: Stepney und Coughlan hatten wohl in einer Gemeinschaftsaktion unzufriedener Mitarbeiter versucht, damit bei Honda anzuheuern – doch die Japaner lehnten ab. An die Öffentlichkeit gelangte dies, weil Coughlan die Unterlagen in einem Copyshop vervielfältigen wollte, wo sie einem Angestellten auffielen, der umgehend Ferrari informierte. Bei BMW und Theissen hätten die zwei mit ihrem Angebot jedenfalls auch keine Chance gehabt: „Wenn jemand sich mit so einem Ansatz bewerben würde, müsste man unterstellen, dass er bei einem Abgang genauso handeln würde. Das wäre keine gute Bewerbung.“

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