Sport : Formel 1: Ready for take off

Karin Sturm

Fernsehkameras an den Cockpits der Formel-1-Autos gibt es schon eine ganze Weile. Für gewöhnlich dienen sie dem Zweck, dass der Zuschauer sich für kurze Zeit auch mal wie ein Rennfahrer fühlen darf. Wer gestern diese Bilder sah, musste sich allerdings mitunter vorkommen wie ein Flugzeugpilot. Zunächst war noch die Rennstrecke zu sehen, dann aber lange Zeit nur blauer Himmel. Teile wirbelten umher, es wackelte ganz gewaltig, und dann wurde plötzlich alles schwarz. Übertragung abgerissen. Den Rest des Geschehens beobachtete Ralf Schumacher aus seinem Cockpit ganz allein.

Allerdings wird er wenig Zeit gehabt haben, das ganze Chaos zum Auftakt der Formel-1-Saison in Melbourne zu sehen. Schumachers zerstörter BMW-Williams, der zerstörte Ferrari von Rubens Barrichello, auf den Schumacher mit exakt gemessenen 263,3 km/h geknallt und über den er geflogen war, um dann gegen meterdicke Reifenstapel zu prallen, der qualmende Sauber-Petronas von Nick Heidfeld, weitere lädierte Formel-1-Wagen. Insgesamt acht Fahrzeuge kamen nicht weiter als 300 m. Die Piste sah aus wie ein Auto-Friedhof; zum Glück wurde niemand verletzt.

Das war das Wichtigste, zweifellos. Aber die nächste Frage, die am bohrendsten gestellte, lautete: Wer war schuld an diesem Chaos? Ja, wer wohl? Ralf Schumacher natürlich, verkündete der empörte Peter Sauber, Teamchef von Sauber-Petronas. "Es ist mir völlig unverständlich, wie ein Fahrer im ersten Rennen mit der Brechstange fahren muss. Ein großer Name verpflichtet. Ich glaube, jeder weiß, wer damit gemeint ist." Natürlich wusste das jeder.

Aber Ralf Schumacher konterte. Barrichello, der sei der Schuldige. Hat dreimal die Spur gewechselt, dann auch noch zu früh gebremst. Aus Schumachers Sicht zumindest. "Wenn er bremst, soll er bleiben, wo er ist, aber nicht rüberziehen. Er hat die Linie dreimal gewechselt, einmal ist nur erlaubt." Doch so durfte man Barrichello nicht kommen. "Ich habe sogar eher später gebremst. Ralf dagegen ist voll auf dem Gas geblieben. Der Aufprall war heftig. Ralf wäre nie durch die Kurve gekommen."

Heftig war der Aufprall nun wirklich. "Ich habe mich gefragt, was als nächstes passiert", sagte Ralf Schumacher, "Ich hatte Angst, dass ich direkt in die Reifenstapel oder gegen die Mauer fliege. Aber zum Glück bin ich hinten mit dem Getriebe zuerst aufgekommen und dann relativ sanft auf die Räder gefallen." Und irgendwann mal, als er so schön im Erzählen war, hatte für ihn das Ganze dann nur noch etwas von diesem "no risk, no fun"-Gefühl: "Ich hatte nur nicht genug Benzin an Bord, sonst hätte ich gleich bis nach Hause nach Salzburg weiter fliegen können."

Premiere-Experte Hans-Joachim Stuck dagegen sah durchaus auch Schuld bei Ralf Schumacher: "Also Barrichello hat höchstens eineinhalb Mal gewechselt - und das hat zum Beispiel Michael Schumacher letztes Jahr am Nürburgring auch gemacht, und keiner hat was gesagt. Außerdem war Ralfs Bremspunkt schon, mal vorsichtig gesagt, sehr optimistisch gewählt. Ich bezweifele, dass er so je die erste Kurve gekriegt hätte."

Weltmeister Michael Schumacher war im Zwiespalt: "Rubens ist mein Teamkollege, Ralf mein Bruder. Fest steht, dass Rubens Zickzack gefahren ist. Vielleicht hat er doch einmal zu viel gewechselt. Aber eigentlich gehören zu so einer Aktion immer zwei."

Nächster Streitpunkt: die Konsequenzen aus dem Crash. Hätte die Rennleitung nicht abbrechen sollen? Jordan-Technikchef Gary Anderson regte sich gewaltig auf: "Unmöglich. Alle Zuschauer warten auf eine tolle Show - und dann ist das halbe Feld in der ersten Kurve draußen, und man bricht nicht ab." Nick Heidfeld ("Auf einmal sah ich nur von allen Seiten die Autos fliegen"), hätte "einen Abbruch natürlich besser gefunden, aber so etwas passiert eben nun mal". Bei der Fahrerbesprechung, sagt Ralf Schumacher, habe Rennleiter Charlie Whiting "eindeutig gesagt, dass nur dann abgebrochen wird, wenn die Strecke blockiert und es aus Sicherheitsgründen absolut erforderlich ist. Insofern war das schon in Ordnung, dass er dann nicht abgebrochen hat."

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