Sport : Formel 1: Reise nach Jerusalem

Erhard Winter

Raus aus dem Lärm, hinein in die Ruhe. Wenn die Rennfahrer das zum Bersten gefüllte Motodrom von Hockenheim verlassen und sich auf die vier langen Geraden durch den Wald begeben, sind sie allein. Ein Augenblick der Spiritualität in der Formel 1 - bei 340 km/h. Doch für Rennfahrer-Romantik ist kein Platz mehr in den Zukunftsplänen. Am Sonntag vor dem Großen Preis von Deutschland soll per Vertragsunterzeichnung sichergestellt werden, dass Hockenheim die Grand-Prix-Rechte bis einschließlich 2008 behält. Die Verlängerung des Vertrages verlangte jedoch eine Verkürzung der Strecke.

Hockenheim hat gut daran getan, sich den Wünschen von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone zu fügen. Für 90 Millionen Mark wird die Hochgeschwindigkeitspiste den gestiegenen Anforderungen angepasst. Ganz nebenbei wird durch die Verbesserung der Infrastruktur der Vip-Kundschaft eine adäquatere Umgebung beschert.

Zum Thema Online Spezial: Formel 1 Das Rennen, das sich die Streckenbetreiber momentan liefern, ist spannender als die, die sich auf dem Asphalt abspielen. Mit einem scheinbar achtlos dahin gesagten Nebensatz ("Kein Organisator kann sich seines WM-Laufes sicher sein") hat Vermarkter Ecclestone eine Reise nach Jerusalem eröffnet. Mehr als 17 Rennen in der achtmonatigen Saison können die Teams kaum verkraften, Ecclestone selbst ist - mit Blick auf den Fußball - auch nicht an einer inflationären Verbreitung seiner kostbaren Ware gelegen.

Gleichzeitig aber drängen vor allem die Sponsoren aus der Tabakindustrie auf die Eroberung neuer Märkte. Fast logische Folge: "Der schlechteste Grand Prix wird fallen gelassen." Die Herausforderer auf dem Neuen Renn-Markt haben sich formiert, und jetzt, da eine Ausdehnung des Kalenders vom Tisch ist, wird der Kampf härter und die Angelegenheit teurer werden. In Moskau sollen bald die Bagger anrollen, um Ecclestones Traum von einem russischen Grand Prix in der Saison 2003 Wirklichkeit werden zu lassen. Dass Peking jüngst in Moskau den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele erhalten hat, lässt ebenfalls alte Hoffnungen neu aufleben. Mitte der 90er Jahre bereits war in einer der Sonderwirtschaftszonen bei Zhuhai eine Rennstrecke entstanden. Mit entsprechenden Modifikationen ist der Kurs Formel-1-tauglich zu machen. Und gerade erst haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Grand-Prix-Pläne enthüllt: Anfang 2002 soll in Bahrain für etwa 160 Millionen Mark eine 5,3 Kilometer lange Multifunktionsstrecke entstehen und die Formel 1 in den Nahen Osten locken. So weit sind die potenziellen Mitbewerber Dubai, Ägypten, Indien und Libanon noch nicht.

Der alte Kontinent ist bei allen Expansionsbemühungen - auch Südafrika taucht in den globalen Planspielen als ernst zu nehmender Rivale auf - immer noch der wichtigste Formel-1-Markt. Ausgerechnet das britische Traditionsrennen von Silverstone stand ganz oben auf der Streichliste, auch dort aber ist ein TV-gerechter Umbau und die Investition von 120 Millionen Mark der Rettungsanker. Nun könnte es dem Großen Preis von San Marino - mitten im Ferrari-Land ausgetragen - an den Kragen gehen. Denn auch in Imola ist die Begeisterung über die Jahre gewachsen, die Infrastruktur aber stehen geblieben. Als zweiter Grand Prix in einem Land (das eigentliche italienische Rennen findet in Monza statt) ist die Gefährdung im Verdrängungswettbewerb größer. Gut für die Nürburgring GmbH, dass der Kontrakt für den Großen Preis von Europa bis 2004 läuft. In der Eifel wird der Ausbau dennoch vorsichtshalber vorangetrieben. Bis zum nächsten Sommer entsteht dort ein komplett neuer Verlauf der Startkurven. Das lässt den nagelneuen Lausitzring in Ostdeutschland zunächst außen vor.

Ganz oben auf der Liste gefährdeter Rennstrecken stehen - vorrangig aus Gründen der schwächeren Finanzkraft - der Hungaroring in Budapest und der A1-Ring in Österreich. Auch die Ardennen-Piste von Spa-Franchorchamps ist ein Wackelkandidat, doch dort fühlt sich die Familie Ecclestone wie in Hockenheim an die Veranstaltergesellschaft gebunden. Das Ausscheidungsfahren zwischen Tradition und Moderne hat in jedem Fall bereits einen Gewinner: die Bau-Wirtschaft.

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