Sport : Formel 1: Schildkröte Schumacher

Karin Sturm

Ein Satz von Michael Schumacher charakterisierte die Stimmung bei Ferrari nach dem Großen Preis von Ungarn am besten. "Wenn wir so weitermachen, dann habe ich keine Chance", sagte Schumacher ein einziges Mal - zwischen vielen Versuchen, weiter Optimismus und Zuversicht zu verbreiten. Die WM sei noch lange nicht entschieden, "wir werden alles tun, um in Spa die Verhältnisse wieder umzudrehen, noch ist nichts verloren, in den kommenden fünf Rennen kann noch viel passieren ..." Der zur Schau getragene Optimismus hat nur ein Ziel: die Ferrari-Mannschaft wieder zu konzentrierter Weiterentwicklungs-Arbeit zu motivieren. Denn nach den ersten Saisonsiegen scheint man sich bei Ferrari zu sicher gewesen zu sein. Es wäre nicht das erste Mal bei den Italienern - die Frage ist nur, ob es Schumacher gelingt, noch einmal zurückzuschlagen.

Schumacher erntete indes bitterböse Kommentare, Ferrari bissige Vorwürfe: Am Tag eins nach der Wachablösung in der Formel-1-Weltmeisterschaft kannte die Presse im Land der "Scuderia" keine Gnade. "Schumacher schafft es ja nicht einmal, schnell genug in die Ferien zu starten" - so hämisch war die angesehene Tageszeitung "La Repubblica" am Montag nach Mika Häkkinens Rückkehr an die Spitze und dem Rollentausch im Titelrennen, den noch vor kurzem viele nicht für möglich gehalten hatten. "Ferrari und Michael Schumacher haben gewaltig eins auf die Mütze bekommen. Wenn das nicht anders wird, ist die WM für Michael verloren", sagte der ehemalige Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck. In Italien geht nun die Angst um, dass es nach 21 Jahren des Wartens wieder nichts wird mit dem ersehnten WM-Triumph. Es half wenig, dass sich Schumacher nach dem zweiten Platz beim Großen Preis noch lange nicht aufgegeben hat. "Ich war immer ein guter Jäger", meinte er. Und: "Darin habe ich Erfahrung."

Aber offenbar nahmen es die Italiener dem Deutschen und Ferrari furchtbar übel, dass die WM-Führung wie der Blitz in der ersten Runde weg war und McLaren-Mercedes in Budapest ein weitaus schnelleres Auto hatte. "Unser Problem ist das Startsystem, McLaren hat einfach ein besseres", begründete Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo die Niederlage. Die Erklärung besänftigte die Kritiker nicht. "Die anderen sind besser. Aber es reicht uns nicht, dass die anderen immer besser sind. Und das seit 21 Jahren", schrieb "Repubblica". Das Sportblatt "Tuttosport" verwies Begründungsversuche ins "Handbuch der Ausreden". Und die "Gazzetta del Mezzogiorno" meinte bissig: "Schumacher startet wie eine Schildkröte." Dabei ist die Kritik an Schumachers Start ungerecht, war er doch gerade erst nach zwei Kollisionen als "Rambo" verurteilt worden. "Ich war schon ziemlich am Limit, als Mika neben mir war. Das Heck ist da schon ausgebrochen. Später hätte ich nicht bremsen können", beschrieb der 31-Jährige das Überholmanöver.

Die Enttäuschung saß natürlich tief im Ferrari-Team. Rennleiter Jean Todt gab das auch zu, "denn nach der Poleposition am Samstag hatten wir schon damit gerechnet, gewinnen zu können. Aber Häkkinen war klar der schnellste Mann auf der Strecke." Doch dann versuchte er, die Härte gleich wieder abzumildern: "Gut, wir haben zum ersten Mal in diesem Jahr die WM-Führung verloren, aber im Prinzip stehen wir genau dort, wo wir vor diesem Rennen standen, nur, dass wir mit unseren Rivalen die Plätze getauscht haben. Man kann sagen, dass die WM in Spa neu beginnt ... "

Ausgerechnet Spa, Schumachers Lieblingsstrecke in den belgischen Ardennen, auf der er schon vier Mal gewann, könnte am 27. August zum Schicksalsrennen werden. Verliert er auch da gegen die McLaren-Mercedes, dürfte allein der psychologische Vorteil bei den Silberpfeilen noch einmal um hundert Prozent steigen. Das weiß auch Ferrari-Technikchef Ross Brawn, der eingestand, schon ein bisschen überrascht gewesen zu sein, "dass Mika so schnell war. Der Anfang des Rennens war für uns nicht so schlecht, aber nach zehn oder zwölf Runden konnte Mika wegziehen - und Michael hatte nichts entgegenzusetzen." Boxenstopps und die Strategie seien gut gewesen, "aber wir waren einfach nicht schnell genug". Man müsse jetzt nach Hause fahren und überlegen, was in Vorbereitung auf den Großen Preis von Belgien besser gemacht werden könne.

Schon heute - am Feiertag "Ferragosto" arbeitet in Italien normalerweise kaum jemand - sind Tests angesetzt. Und Luca di Montezemolo ist sich sicher: "Es wird leider so kommen, wie ich schon am Anfang der Saison gesagt habe: Die Weltmeisterschaft bleibt spannend bis zum Schluss." Michael Schumacher widersprach seinem Chef nicht: "Scheint so."

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