Sport : Formel 1: Schumachers Lockerheit ist längst verflogen

Karin Sturm

Hängende Schultern, der Schritt nicht so energisch wie üblich, eher verhalten, die Miene nachdenklich, ein Lächeln, wenn überhaupt, dann eher gequält: Michael Schumacher in Belgien. Nicht direkt nach dem Rennen, noch aufgeputscht vom Zweikampf mit Mika Häkkinen, aber vor allem später, gegen Ende der Pressekonferenz, dann im Fahrerlager. Das Bild, es glich dem von vor zwei Wochen in Ungarn und dem von den Trainingstagen in Spa. Und es widerspricht dem, was Schumacher immer wieder erklärt: "Wir haben den Titel noch nicht aufgegeben, es ist zwar schwieriger geworden, aber wir werden kämpfen. Es kann in vier Rennen noch viel passieren."

Aber glaubt er wirklich noch daran - oder hat er innerlich schon fast aufgegeben? Weiß er, dass er die Weltmeisterschaft 2000, der er schon so nahe schien, höchstens noch mit sehr viel Glück gewinnen kann? Die Körpersprache deutet auf Letzteres. Was für ein Unterschied zu dem selbstbewussten, sicheren, unglaublich lockeren Schumacher der ersten WM-Hälfte, als er alles zu kontrollieren schien. Jetzt muss er sich mit der Erkenntnis abfinden, einem deutlichen technischen Rückstand hinterherzufahren, der nur schwer aufzuholen sein dürfte.

Erstens scheint das zuletzt beim Testen in Mugello ausgetüftelte neue Aerodynamik-Paket bei weitem nicht so gut zu funktionieren wie erwartet. Um in den mittelschnellen Kurvenpassagen in Spa mithalten zu können, musste man bei Ferrari die Flügel deutlich steiler stellen - was sich dann in der Höchstgeschwindigkeit äußerst übel auswirkte. Mehr als 10 km/h Unterschied auf der langen Geraden sind in der Formel 1 eine Welt. Ohne Häkkinens Ausrutscher am Anfang hätte Schumacher damit nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt, den Finnen überhaupt überholen zu können.

Zweitens ist das Thema des erhöhten Reifenverschleißes am Ferrari noch immer nicht gelöst. Schumacher spielt das Thema zwar permanent herunter, behauptete sogar, seine Versuche in Spa, auf nassen Flecken die Reifen immer wieder zu kühlen, hätte nichts mit Verschleißproblemen zu tun gehabt. Bridgestone-Technikchef Ichikawa redete dagegen Klartext: "In der zweiten Rennhälfte haben bei Michael die Reifen stärker abgebaut als bei Mika." Das liegt nicht so sehr an der verschiedenen Aerodynamik als vielmehr an der unterschiedlichen Radaufhängungs-Geometrie des Ferrari. "Das ist ein gundlegendes Problem, das auch mit der gesamten Chassiskonzeption zusammenhängt", war aus Zuliefererkreisen im Bereich Reifen und Felgen schon vor Wochen zu hören.

Drittens: Bei Ferrari redet man zwar ständig von neuen Motoren-Entwicklungsstufen mit mehr und mehr PS, aber muss man die erst einmal wirklich auf die Straße bringen. Und die Motoren-Entwicklung bei Mercedes geht ja auch weiter. " Geld alleine hilft Ferrari da wohl ebenfalls nicht. Weder der jetzt noch einmal um zehn Prozent aufgestockte Ferrari-Etat noch der 200 000-Mark-Ferrari, den Luca di Montezemolo allen leitenden Ferrari-Mitarbeitern als WM-Erfolgsprämie versprochen hat.

Und noch etwas kommt dazu: Mika Häkkinens derzeitige Superform hebt Schumachers Stimmung im Moment sicher auch nicht. Dass ihm der Rivale jetzt auch schon fahrerisch so einheizt, dass ihn einige endgültig zumindest auf eine Stufe mit ihm stellen, schmerzt und kratzt zusätzlich am Selbstvertrauen. Denn seit der 41. Runde in Spa ist den Zweiflern der Mund gestopft: Alle, die Häkkinen im Vergleich zu Michael Schumacher immer wieder mangelnde Härte oder fehlenden "Killerinstinkt" vorwarfen, müssen jetzt ruhig sein. Mit seinem fantastischen Überholmanöver bei über Tempo 320 bewies der Finne ein für alle Mal, was er kann - und verdiente sich Lobeshymnen überall. "Häkkinens Überholmanöver ein Meisterwerk. In Spa kommt die Sonne, aber Ferraris Traum geht unter. Ehre dem Sieger", schreibt die "Gazzetta dello Sport". In "La Repubblica" heißt es: "Das Überholmanöver des Marsmenschen. Häkkinens Meisterwerk vernichtet Schumacher. Eine Ohrfeige für König Schumacher."

Auch Michael Schumacher selbst kam nicht umhin, seinem Rivalen höchste Anerkennung auszusprechen: "Ein tolles Manöver, eine Klasseleistung von Mika, sehr professionell, sehr fair." Häkkinen-Manager Keke Rosberg, Weltmeister von 1982, schwärmte: "Mika ist viel besser, als ich je war - und unglaublich selbstbewusst."

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