Formel 1 : Sebastian Vettel bei Ferrari vor gewaltiger Herausforderung

Der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel findet bei Ferrari ein radikal umgestaltetes Team vor. Schnelle Erfolge sind illusorisch, 2015 steht im Zeichen des Aufbaus.

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Alter Wagen, neues Gefühl. Auf der Firmenstrecke in Fiorano wurde Sebastian Vettels Kindheitstraum wahr: Er durfte einen Ferrari fahren, wenn auch nur den von 2012. Das neue Modell wird am 30. Januar vorgestellt.
Alter Wagen, neues Gefühl. Auf der Firmenstrecke in Fiorano wurde Sebastian Vettels Kindheitstraum wahr: Er durfte einen Ferrari...Foto: Imago/Thomas Melzer

Am 30. Januar tritt Sebastian Vettel zum ersten Mal ganz offiziell für seinen neuen Arbeitgeber Ferrari auf. Dann wird das neue Rennauto des viermaligen Formel-1-Weltmeisters vorgestellt. Im Grunde aber ist der Launch des Wagens mit dem Arbeitstitel 666 auch ein Relaunch für das Traditionsteam der Formel 1. Ferrari und Vettel fangen beim Unternehmen WM-Titel quasi bei null an.

Im Stammsitz Maranello wurde schließlich seit Herbst 2014 die gesamte Führungsriege ausgetauscht. Der große Ferrari-Boss Luca di Montezemolo, seit Jahrzehnten Gesicht und Herz der Scuderia, musste gehen. Auch eine Vielzahl seiner Untergebenen wurden angesichts von inzwischen sieben Jahren ohne Formel-1-WM-Titel vom Hof gejagt. Der gerade erst ein paar Monate zuvor installierte Teamchef Marco Mattiaci wurde wie sein Vorgänger Stefano Domenicali abgesägt, ebenso erwischte es Technikchef Pat Fry, den Chefaerodynamiker Nicolas Tombazi und den Reifenexperten Hirohide Yamashima.

Von Nachteil müssen diese radikalen Maßnahmen nicht sein, schließlich begann auch die Ära um Rekordweltmeister Michael Schumacher und Teamchef Jean Todt Mitte der Neunzigerjahre mit einem kompletten Neuaufbau. Allerdings lehrt diese Erfahrung auch, dass man so unmöglich von heute auf morgen zum Erfolg gelangt. Bei seinem Antrittsbesuch bei Ferrari Ende November setzte sich Sebastian Vettel lange mit dem mächtigen Fiat- und nun auch Ferrari-Chef Sergio Marchionne und seinem neuen Teamchef Maurizio Arrivabene zusammen. Sie wollten einen Zeitplan aufstellen, um Ferrari wieder zurück an die Spitze der Formel 1 zu bringen.

Dass das bereits 2015 gelingen könnte, dieser Illusion gibt man sich dabei gar nicht erst hin. Die ersten Basiswerte des neuen Autos seien nicht besonders gut, das sickerte im Spätherbst schon durch. Eine komplette Konzeptänderung für 2015 war da aus Zeitgründen schon kaum noch möglich. So dürfte sich vieles in der Planung von Vettel und seinem neuen Arbeitgeber darauf richten, 2015 vor allem als Entwicklungsjahr für die weitere Zukunft zu sehen – so ähnlich, wie das auch Mercedes über Jahre betrieb und dann 2014 die Früchte erntete. „2016 könnten wir wieder vorn sein, wenn es gut läuft“, gab sich Marchionne kürzlich optimistisch, nachdem er sich lange mit den Mercedes-Bossen über deren Strategie unterhalten hatte.

Die ersten Basiswerte des neuen Ferrari sollen nicht besonders gut sein

Dabei soll Jock Clear helfen. Zwei Tage vor Weihnachten wechselte der bisherige Renningenieur von Weltmeister Lewis Hamilton von Mercedes zu Ferrari. Clear wird die Position von Pat Fry übernehmen – und dabei sehr eng mit Ferraris Technischem Direktor James Allison zusammenarbeiten.

Sebastian Vettel ist nun dafür bekannt, „die Leute, mit denen er arbeitet, sehr schnell und ganz stark hinter sich zu bringen“, wie sein früherer Red-Bull-Teamkollege Daniel Ricciardo feststellte. Ein bisschen mitgebrachte Nestwärme auf der Baustelle Ferrari tut aber sicher auch ihm gut. Ein früherer Renningenieur Vettels aus Toro-Rosso-Zeiten hat bereits bei Ferrari angedockt, und manche Experten erwarten, dass bald noch der eine oder andere Red-Bull-Mitarbeiter in der Ferrari-Box auftaucht. Aber auch so zeigten ja schon die ersten „Berührungen“ zwischen dem viermaligen Weltmeister und seinem neuen Team, dass auch emotional eine große gemeinsame Basis vorhanden zu sein scheint. Die Ferrari-Leute waren begeistert von Vettels präzisem technischen Feedback, seiner schnellen Integration ins Team, seinen charismatischen Führungsqualitäten, natürlich seinen Witzen und nicht zuletzt seinem Willen, sein Italienisch schnell weiter zu verbessern. Und Vettel war sofort vom Ferrari-Virus infiziert. „Ich erinnere mich, wie ich früher als kleiner Junge schon hier war und versucht habe, über den Zaun zu schauen. Jetzt ganz offiziell ein Teil des Teams zu sein, ist einfach fantastisch“, schwärmte er nach seinem ersten Test in einem alten 2012er-Modell in Fiorano. „Zusammen schaffen wir es wieder zurück an die Spitze.“

2014 war die erste sieglose Saison für Ferrari in der Formel 1 seit 1993

Die Herausforderung dabei ist gewaltig. 2014 war die erste sieglose Saison für Ferrari in der Formel 1 seit 1993. Zumindest da soll es schon 2015 den ersten Fortschritt geben: „Wenn wir zwei oder drei Rennen gewinnen könnten, das wäre schon sehr befriedigend“, sagt Teamchef Arrivabene, „wenn uns vier gelingen würden, dann würden wir uns wie im Himmel fühlen.“ Der bisherige Chef des Italienzweigs von Marlboro, der im November von Marchionne installiert wurde, kennt die Formel 1 bisher zwar eher unter kommerziellen als unter sportlich-technischen Gesichtspunkten. Vettel erhielt damals einen ersten Einblick in die Firmenmentalität – er erfuhr von dieser wichtigen Personalie nicht von Ferrari selbst, sondern von Journalisten. Doch wenn sich die Informationen bewahrheiten, dass Arrivabene zumindest in Sachen Organisation und Menschenführung dem Vorgänger Mattiaci deutlich überlegen sei, dann könnte sich die Entscheidung von Marchionne als richtig erweisen.

Unter Mattiaci war die Stimmung bei Ferrari in den Keller gegangen, Intrigen und Chaos hatten zugenommen. Das abzustellen und seine eigene Linie und eigenen Vorstellungen durchzusetzen, wird die erste und wichtigste Aufgabe für Sebastian Vettel sein. Sein früherer Teamkollege Daniel Ricciardo ist überzeugt, dass er das schafft: „Er kann sehr hart sein in den Dingen, die er fordert – aber er tut es sehr fair und findet da die richtige Balance. So gewinnt er viel Respekt – und bekommt am Ende, was er will.“

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