Sport : Formel 1: Spektakulärer Unsinn

Frank Bachner

Ralf Schumacher ließ sich massieren, mehr passierte nicht. Das ist nicht viel, wenn einer gerade mit 190 Stundenkilometern in eine Leitplanke gerast war. Schumachers Formel-1-Auto, ein BMW-Williams, hat natürlich dieses Sicherheitscockpit, das fast unzerstörbar ist, aber das Auto lag beim Knall mit allen Rädern in der Luft, und Schumachers Nackenmuskeln sind nicht unzerstörbar. Ja, sagt Schumacher, er hätte schlimmer ausgehen können, dieser Unfall beim Freien Training zum Großen Preis von Monaco. Er sitzt im Vorzelt eines BMW-Williams-Sponsors, ein paar Stunden nach dem Qualifying, und ein Journalist fragt nach den Sicherheitsproblemen der Strecke. Da zielt Schumacher mit dem linken Zeigefinger zu einem Monitor, in dem gerade das Formel-3000-Rennen in Monaco läuft, und sagt: "Da sieht man es doch. Überall." Keine Auslaufzonen. Kein Kiesbett. Keine Reifenstapel. Fans direkt an der Strecke, enge Straßen. "Wenn beim Start 22 Mann auf eine Kurve hinrasen, ist die Gefahr sehr groß", sagt Schumacher. Monaco, anders gesagt, ist ein lebensgefährliches Unternehmen. Oder noch ein bisschen brutaler: Monaco ist ein spektakulärer Unsinn.

So könnte man Ralf Schumacher verstehen. Aber derselbe Schumacher sagt im Magazin "Formel 1": "Monaco ist eine meiner Lieblingsstrecken. Bei diesem Rennen muss der Fahrer jederzeit hundertprozentig konzentriert sein." Es sei ein irres Gefühl, da oben zu Massenet und dem Casino-Platz zu kommen. Beim Qualifying raste Schumacher mit 299 km/h aus dem Tunnel, er war dort einer der Schnellsten.

Ein Widerspruch, das Ganze? Natürlich. Aber es ist viel mehr: Es ist der Rausch. Der Rausch Monaco. Die Strecke ist Hure und Nonne. Für viele Fahrer jedenfalls. Sie hassen diese Strecke, wegen deren Probleme. Sie lieben sie wegen ihrer Herausforderung. Monaco treibt sie an ihre absolute Leistungsgrenze. Hier gibt es keine Atempausen auf langen Geraden, hier gibt es hartes Bremsen, hartes Beschleunigen, von 300 auf 40 und wieder auf 200, permanentes Schalten, Zentimeter von der Leitplanke weg, jede Aktion ein Einsatz mit höchstem Risiko. Das ist der Kick. Nick Heidfeld von Sauber, sagt in "Formel 1": "Für mich ist es eine irre Herausforderung, so nah wie möglich an die Leitplanken heran zu driften." Und Michael Schumacher sagt: "Auf diesem engen Kurs zu fahren gibt mir immer einen besonderen Kick."

Normalsterbliche verstehen das nicht. Aber Formel-1-Fahrer sind Extremsportler. Süchtig nach dem Gefühl, das Optimum zu erreichen. Monaco ist für sie wie für Extrembergsteiger die Bewältigung einer besonders schwierigen Klippe. Oder wie für einen Mathematiker die Lösung einer besonders kniffligen Aufgabe. In diesem Grenzbereich, in dem größtmögliche Adrenalin-Stöße durch den Körper jagen, verbindet sich Konzentration und Anspannung mit Rauschgefühlen. Ayrton Senna, der Brasilianer, der diesen Kurs beherrschte wie kein anderer und hier sechsmal gewann, sagte: "Ich fuhr mich in einen richtigen Rausch hinein. Alles stimmte, die Bremspunkte, das Einlenken, das Beschleunigen. Ich war eine Symbiose zwischen Auto und Strecke. Plötzlich erwachte ich in diesem Zustand. Ich erschrak, weil ich merkte, dass ich in einer ganz anderen Welt war." Senna starb beim Rennen am 1. Mai 1994. Nicht in Monaco, in Imola.

Einer wie Ralf Schumacher sieht aber auch, wie nahe Rausch und Tod beieinander liegen. Nicht unbedingt der Tod von Fahrern. Eher der Tod von Fans. "Wenn in Monaco im Hafenbereich ein Reifen durch die Luft fliegt, dann nimmt der ja weiß Gott wie viele Leute mit ins Wasser." Dann, anders gesagt, ist alles aus.

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