Formel 1 : Spione und Intrigen

Die Hintergründe der Formel-1-Affäre um das Team McLaren vor der heutigen Anhörung.

Christian Hönicke

Heute muss sich das Formel-1-Team McLaren-Mercedes in Paris vor dem Weltrat des Automobil-Weltverbands (Fia) verantworten. Wie lautet der Vorwurf?



McLaren soll von geheimen Daten des Konkurrenten Ferrari profitiert haben. Der frühere Ferrari-Techniker Nigel Stepney hat seinem bei McLaren inzwischen ebenfalls entlassenen Bekannten Mike Coughlan unter anderem 780 Seiten mit Bauplänen des Ferrari zugespielt. Die Führung von McLaren-Mercedes bestreitet, diese Informationen genutzt zu haben und spricht von der Tat eines Einzelnen. Allerdings hat das Team zu Saisonbeginn auf Stepneys Hinweis hin offiziell und erfolgreich gegen illegale Bauteile am Ferrari protestiert. McLaren-Chef Ron Dennis bezeichnete dies als gerechtfertigten Akt des „Verpetzens“.

Wie sieht die Beweislage aus?

In erster Instanz wurde McLaren freigesprochen – eine aktive Rolle konnte dem Team nicht nachgewiesen werden. Doch nun gibt es neue Indizien. Laut „Times“ liegt dem Fia-Weltrat ein Dossier vor, in dem E-Mails zwischen den McLaren-Piloten Fernando Alonso und Pedro de la Rosa sowie Telefonate und SMS zwischen Coughlan und Stepney dokumentiert sind. Zeitliche Übereinstimmungen legten den Verdacht nahe, dass sich Coughlan immer dann an Stepney gewandt hat, wenn die McLaren-Fahrer eine Detailfrage gehabt hätten. Die Theorie des Einzeltäters ließe sich in diesem Fall wohl kaum noch aufrecht erhalten.

Stecken politische Motivationen dahinter?

Die Affäre ist ein Nebenprodukt der ausgeprägten Lagermentalität der Formel 1. Ferrari drängt mit Nachdruck auf eine Verurteilung des Erzrivalen und lässt in einer „irreführenden Kampagne“ (Dennis) gezielt Informationen in die Öffentlichkeit tröpfeln. Im McLaren-Lager ergeht man sich in Verschwörungstheorien wie der, die Affäre sei von Ferrari angeschoben worden. Eine entscheidende Rolle kommt der Fia zu, die Ferrari „näher als sonst irgendjemand“ steht, wie es der dreimalige Weltmeister Jackie Stewart formuliert. Im Fia-Weltrat sitzt beispielsweise Luigi Macalusco, der als langjähriger Geschäftspartner Ferraris und Präsident des italienischen Automobilverbandes eine Wiederaufnahme des Verfahrens erwirkte. Dagegen verbindet Fia-Präsident Max Mosley und Ron Dennis nur eine innige Abneigung zueinander. Eine Verurteilung McLarens hätte daher einen ideologischen Beigeschmack.

Welches Urteil ist zu erwarten?

Ein abermaliger Freispruch ist unwahrscheinlich, ein Ausschluss McLarens gerade vor dem Hintergrund der spannenden WM-Konstellation ebenso. Da Fia- Präsident Mosley den McLaren-Fahrern aufgrund ihrer Aussagen Straffreiheit zugesichert hat, bleiben nur zwei realistische Varianten, um den Fall abzuschließen und den Imageschaden zu begrenzen: der Abzug aller in der Konstrukteurs-WM errungenen Punkte und eine empfindliche Geldstrafe.

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