Formel 1 : Tage der Liebe für Hamilton

Der Brite fährt das erste Rennen in seiner Heimat.

Karin Sturm[Silverstone]

Es sollte von Anfang an die große Jubelparty um den neuen Liebling der Nation werden: Etwas anderes als die großen Lewis-Hamilton-Festspiele von der ersten bis zur letzten Minute schien für den britischen Grand Prix in Silverstone an diesem Wochenende überhaupt nicht denkbar. Durch die Spionageaffäre zwischen Ferrari und McLaren, bei der Techniker beider Teams geheime Formel-1-Daten ausgetauscht haben sollen, bekam die Hamilton-Mania zumindest in den britischen Boulevardzeitungen jetzt noch eine zusätzliche dramatische Komponente. Dort wird geunkt, die Affäre könne Hamilton Punktabzüge bringen und seine Chancen auf die WM mindern. Zum erdichteten Horrorszenario gehören Disqualifikationen, Punktabzüge für das Team oder den neuen Helden.

McLaren-Mercedes hat aber bereits am Mittwoch erklärt, dass keinerlei Ferrari-Informationen verwendet wurden, alle Daten für eine Untersuchung durch den Weltverband Fia offengelegt und volle Kooperation zugesichert. Derweil gab es gestern erneut eine Hausdurchsuchung: Die italienischen Behörden untersuchten zum zweiten Mal die Villa des entlassenen Ferrari-Chefmechanikers Nigel Stepney bei Modena. Ordner sowie Computerdaten wurden sichergestellt. Zudem hieß es, Stepney sei bereits aus einem Ferienaufenthalt auf den Philippinen nach Italien zurückgekehrt. Er sei bei der Hausdurchsuchung aber nicht dabei gewesen.

Lewis Hamilton selbst lässt sich von all dem Wirbel die Vorfreude auf das „einzigartige Erlebnis meines ersten Heim-Grand-Prix“ nicht nehmen, absolviert mit strahlendem Lächeln einen PR-Termin des Team-Hauptsponsors mit jungen Kartfahrern. Dass an diesem Wochenende einiges auf ihn zukommen wird, ist allen klar. Ihm selbst genauso wie etwa Mercedes-Sportchef Norbert Haug: „Was sich in Silverstone abspielen wird, hat die Rennwelt noch nicht gesehen“, sagt er. „Hamilton ist beliebt, jung, rüttelt am Establishment, und all das in der Heimat des Motorsports. Und die britischen Fans lechzen nach Erfolgen.“

Der 22-Jährige lässt sich davon nicht stören. Die Fotografen, die ununterbrochen sein Haus belagern, findet er zwar nicht mehr ganz so toll, aber die Begeisterung und Liebe seiner Fans gibt ihm viel. So viel, dass er auch Wert darauf legt, ihnen etwas zurückzugeben. Selbst in größten Stress rennt ein Lewis Hamilton normalerweise nicht mit einem Tunnelblick durch die Massen, weicht den Fans im Fahrerlager nicht aus. „Er will zu den Fans, schreibt auch noch auf dem Weg in die Box zum Qualifying Autogramme“, sagt Haug. Und dabei kritzelt er nicht irgend etwas auf die Blöcke und Fotos, mit auf den Boden gerichtetem Blick. Er schaut die Leute an, gibt ihnen dadurch das Gefühl, sie ernst zu nehmen. „Ich habe mich als Kind, als ich selbst noch Autogramme gesammelt habe, immer geärgert, wenn die Fahrer mir nicht in die Augen geschaut haben“, sagt Hamilton. „Damals habe ich mir geschworen, dass ich das einmal anders machen würde, wenn ich ganz nach oben komme.“

Jetzt ist er ganz oben, gleich in seinem Debüt-Jahr in der Formel 1, mit acht Podiumsplätzen in Serie, zwei Siegen, 14 Punkten Vorsprung in der WM-Wertung – und möchte seine Freude darüber mit allen teilen. „Das wird für mich zweifellos das wichtigste Rennen des Jahres, denn es ist der erste Heim-Grand-Prix meiner Formel-1-Karriere. Ich erwarte eine großartige Kulisse und kann es kaum erwarten, vor meinen Fans zu fahren.“ Bei den meisten anderen würde das wie auswendig gelerntes PR-Gewäsch klingen. Hamilton nimmt man ab, dass er es ehrlich meint.

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