Formel 1 : Vettel ist Weltmeister

Die Sensation ist perfekt: Sebastian Vettel ist der jüngste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten. Im Strategiekrimi von Abu Dhabi siegte der Heppenheimer souverän und holte, weil sich Alonso und Webber verzockten, 15 Punkte auf.

von
„Ich kann noch nicht glauben, dass dies passiert ist“, sagte Sebastian Vettel.
„Ich kann noch nicht glauben, dass dies passiert ist“, sagte Sebastian Vettel.Foto: AFP

Der Mond leuchtete sein schönstes Gelb, aber etwa 400 000 Kilometer unter ihm, in der Wüste von Abu Dhabi, leuchtete jemand noch ein bisschen heller als der alte runde Geselle. Es war Sebastian Vettel, der gerade vom Star zum Superstar aufgestiegen war. Mit einem wundersamen Sieg im 19. und letzten Rennen der Saison hatte der Heppenheimer doch noch den schon verloren geglaubten Titel geholt und war soeben der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte geworden. Nach seiner Zieldurchfahrt vor dem McLaren-Duo Lewis Hamilton und Jenson Button schluchzte der 23-Jährige nach dem wichtigsten seiner nun zehn Grand-Prix-Siege unter seinem glitzernden Helm hemmungslos. „Danke, ich liebe euch“, stammelte der Sonnyboy der Formel 1 über den Boxenfunk an sein Team Red Bull. Bei der deutschen Hymne während der Siegerehrung zitterten seine Lippen, nur mit Mühe konnte er die Tränen zurückhalten.

„Ich bin total leer“, sagte er, als er sich wieder ein bisschen gefangen hatte. „Es ist unglaublich, jetzt in einer Reihe mit Senna oder Michael geführt zu werden“, erklärte er, während seine Augen wieder glasig wurden.

Bei seinem erfolgreichen Fotofinish war er bis zuletzt ahnungslos gewesen, ob er die 15 Punkte Rückstand auf den WM-Führenden Fernando Alonso würde aufholen können. „Um ehrlich zu sein, wusste ich überhaupt nichts, bis ich über die Ziellinie fuhr.“ Die letzten zehn Runden habe sich sein Renningenieur jede Runde gemeldet, um ihm dabei zu helfen, das Auto nach Hause zu bringen. „Ich dachte: Warum ist der Typ so aufgeregt? Wir müssen in einer höllisch guten Position sein. Dann schrie er mir über Funk zu: Du bist Weltmeister.“ Danach bedankte er sich bei allen Förderern von seiner Großmutter bis zum Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, der zum Finale angereist war.

Besonders warme Worte hatte Vettel für Renault übrig, und dafür hatte er doppelten Grund: Der Renault-Motor in seinem Heck hatte entgegen allen Befürchtungen die 55 Runden durchgehalten, und die Renault-Stammfahrer Robert Kubica und vor allem Witali Petrow hatten maßgeblichen Anteil daran gehabt, dass der Ferrari-Pilot Alonso nicht den vierten Platz erreichte, der ihm bei Vettels Sieg zum dritten Titelgewinn gereicht hätte. Vettel übersandte Petrow die besten Wünsche für seine Vertragsverhandlungen: „Hoffentlich bleibt er auch nächstes Jahr in der Formel 1.“

Bei seiner Fahrt an der Spitze des Feldes hatte hin und wieder auf die Bildschirme entlang der Strecke gelinst. „Manchmal habe ich da einen Ferrari hinter einem Renault gesehen, und dann dachte ich mir: Ist das Alonso?“ Er war es. Der große Favorit hatte sich in dem packenden Strategiekrimi verspekuliert und fuhr hinter den gelben französischen Wagen schließlich nur als Siebter über die Ziellinie des Yas Marina Circuit.

Vergessen hatte Vettel bei seiner Dankesrede nur Michael Schumacher. Wenn man es genau nimmt, war es der Rückkehrer gewesen, der Vettel zum Weltmeister gemacht hatte – mit einem Crash, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Der Rekordchampion war zwar wie auch die vier Titelanwärter unfallfrei durch die erste Kurve gekommen. Kurz danach aber drehte er sich beim Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen und wurde vom Force-India-Piloten Vitantonio Liuzzi regelrecht aufgespießt. Der Rekordweltmeister entging einem wirklichen Desaster aber denkbar knapp: Liuzzis Vorderrad verfehlte seinen Kopf um wenige Zentimeter.

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel
Neue Ortsmarke. Sebastian Vettel feiert in seiner Heimatstadt Heppenheim, die jedoch nur vorübergehend umbenannt wurde.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: dpa
22.11.2010 09:43Neue Ortsmarke. Sebastian Vettel feiert in seiner Heimatstadt Heppenheim, die jedoch nur vorübergehend umbenannt wurde.

Die folgende Safetycar-Phase nutzten diverse Piloten dazu, ihren frühen Pflichtboxenstopp einzulegen, darunter Rosberg und der Renault-Pilot Petrow. Während die beiden WM-Kandidaten Vettel und Lewis Hamilton (McLaren) an der Spitze davonzogen, lag Alonso auf dem ominösen vierten Rang vor seinem vermeintlich härtesten WM-Rivalen, Vettels Teamkollegen Mark Webber. Doch dann berührte Webber eine Leitplanke mit dem rechten Hinterreifen, kam kurz darauf zu einem frühen Reifenwechsel in die Box und trat damit ein Strategiedurcheinander los. Webber versuchte im hinteren Feld die benötigte Zeit auf Alonso bis zu dessen Stopp aufzuholen, und als er drauf und dran war, das zu tun, holte Ferrari Alonso ebenfalls früh zum Reifenwechsel. Das war der entscheidende Fehler, aber Alonso hatte keine andere Wahl. "Wenn wir nicht an die Box gekommen wären, hätte uns Webber womöglich überholt“, sagte der enttäuschte Spanier.

So hing er danach hinter Rosberg und Petrow fest. Der Russe, der in dieser Saison bei Renault bevorzugt Schrott und Spott produziert hatte, war plötzlich Vettels entscheidender Trumpf im Titelkampf geworden. Zweimal kam der wütend anrennende Spanier neben die Strecke, vorbei aber kam er nicht. Weil sein Stallgefährte Petrow hinten blockierte, zog der polnische Renault-Pilot Robert Kubica nach seinem späten Boxenstopp auch noch vor seinem Kumpel Alonso zurück auf die Piste. Alonso zeigte sich später als schlechtestmöglicher Verlierer und bedachte den tapferen Petrow mit obszönen Gesten, weil der „zu aggressiv“ gefahren sei.

Später fügte sich Alonso in sein Schicksal. „Er hat auch nur sein Bestes versucht, es war alles fair und sauber“, stellte er resignierend fest. „So ist der Rennsport. Da kannst du nur gratulieren.“

Sebastian Vettel hörte es gern. Er wurde zeitweise philosophisch und erinnerte sich an all das Ungemach, das ihm in diesem Jahr widerfuhr. „Es war eine unglaublich harte Saison, besonders mental“, sagte er, während er in Gedanken noch einmal alle technischen und menschlichen Patzer durchging. „Aber ich habe nie aufgehört, an mich zu glauben.“

Dann wollte er endlich feiern, vielleicht mit etwas stärkerem als dem alkohollosen Rosenwasser, das er als Champagnerersatz auf dem Podest kredenzt bekam. „Ich denke, es wird Tageslicht geben, bevor ich schlafen gehe“, erklärte er grinsend, bevor er sich im Mondlicht zur Party seines Teams aufmachte. Einen Gast lud er noch persönlich ein: „Wir haben einen Typen in unserem Team, der kennt die Namen aller Weltmeister seit 1950.“ Er wird wohl keine Schwierigkeiten haben, sich den Namen des Jahres 2010 zu merken.

18 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben