Formel 1 : Vettels bisschen Rückstand

Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel traut sich noch den Weltmeister-Titel in der Formel 1 zu – wenn er keine Strafen mehr erhält.

Karin Sturm[Singapur]
Spot an! Sebastian Vettel kämpft in Singapur um seine kleine Chance auf den WM-Titel. Foto: dpa
Spot an! Sebastian Vettel kämpft in Singapur um seine kleine Chance auf den WM-Titel. Foto: dpaFoto: dpa

Im Moment sehen viele Sebastian Vettel im Fünfkampf um die Formel-1-Weltmeisterschaft eher als Außenseiter. 24 Punkte Rückstand auf den Führenden Mark Webber sind ein logisches Argument, das nur einen kaum beeindruckt: Vettel. „Ich liege 24 Punkte zurück, das sind umgerechnet 10 Punkte nach dem alten Punktesystem“, sagt der 23 Jahre alte Red-Bull-Fahrer. „Es sind noch fünf Rennen, da kann man so einen Rückstand aufholen.“ Gewiss, er habe zuletzt Fehler gemacht und Kritik geerntet, aber seine Fahrweise mag er in den finalen Rennen nicht verändern. „Ich fahre mein Rennen und weiß, dass ich punkten muss. Ich gehe so viel Risiko ein, wie ich es für richtig halte“, sagt Vettel vor dem Großen Preis von Singapur. „Deshalb besteht kein Grund, meine Herangehensweise zu ändern.“ Beim 2. Freien Training fuhr er gestern schon mal Bestzeit.

Was er bei seiner Aufholjagd sicher nicht brauchen kann, ist wieder mal eine Strafe. 2009 kassierte er in Singapur eine für angeblich zu schnelles Fahren in der Boxengasse. Zu Unrecht, wie Red Bull später belegen konnte. Auch dieses Jahr dürfte sich ihm schon des öfteren der Eindruck einer ungerechten Behandlung aufgedrängt haben. Zum Beispiel in Spa, als er mit Jenson Button zusammenrasselte und dafür eine Durchfahrtsstrafe bekam, obwohl es sich wohl kaum um eine absichtlich provozierte Kollision gehandelt hatte. Andererseits durfte Robert Kubica ebenfalls in Spa Vettel ins Gras abdrängen. Der Pole ging straffrei aus, weil sein deutscher Kollege mit Glück und toller Reaktion einen Unfall vermieden hatte.

Zur Beurteilung solcher Vorfälle sitzt seit dieser Saison immer ein mit Stimmrecht ausgestatteter früherer Formel-1-Pilot unter den Sportkommissaren des Weltverbandes Fia. Der Praktiker soll bei den oft willkürlich anmutenden Urteilen mehr Logik einbringen. Davon ist bis jetzt wenig zu sehen. Jüngstes Beispiel war das Schneiden der Schikane in Monza. Der Spanier Jaime Alguersuari bekam eine Durchfahrtsstrafe, der Deutsche Nico Hülkenberg ging straffrei aus.

Woran liegt es, dass das System nicht funktioniert? Zu konstatieren ist, dass die unterschiedlichen Fahrer, die den Job des Zusatz-Stewarts bekleiden, auch unterschiedliche Ansichten haben. Und dass die meist altgedienten Fia-Funktionäre in dem Gremium weiterhin mit 3:1 Stimmen die Mehrheit halten. Derek Warwick, Beisitzer beim Großen Preis von Ungarn, sagte jedenfalls ziemlich deutlich, dass er nach Michael Schumachers rabiatem Überholmanöver gegen Rubens Barrichello für eine Sperre von einem Rennen plädiert hatte. Das Urteil fiel dann mit 3:1 Stimmen sehr viel harmloser aus, nämlich mit einer Rückversetzung des Deutschen um zehn Startplätze beim folgenden Rennen in Spa.

Und dann sind da noch die Urteile, die für viele Fachleute einen eindeutig politischen Charakter tragen. Besonders deutlich wurde das, als die Fia in ihrer Begründung zum Weltrats-Urteil gegen Ferrari in Sachen Hockenheim-Affäre eine Stallorder feststellte, also einen klaren Verstoß gegen ihre eigenen Paragraphen. „Aber Fernando Alonso durfte die sieben zusätzlichen WM-Punkte behalten, nachdem Ferrari 100 000 Dollar gezahlt hat“, sagt Sebastian Vettel. Wohl wissend, dass solche Dinge am Ende die WM entscheiden können.

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