Sport : Formel 1: Weltmeister, hilflos

Frank Bachner

Mark Fogarty war ja nun doch ziemlich aufgeregt. Er hatte in der "Gazzetta dello Sport" gelesen, dass Michael Schumacher Ende September möglicherweise nicht in Indianapolis fahren wird. Ausgerechnet Schumacher, der Formel-1-Weltmeister. Wegen der Toten in New York. Und wegen der Sicherheitsfrage. Fogarty schreibt für "USA Today", und deshalb rief er am Montagabend Sabine Kehm an. Stimmt das?, fragte er, und Kehm, die Pressesprecherin von Michael Schumacher sagte: "Michael denkt im Moment nicht daran, in den USA nicht zu starten." Das ist eigentlich eine clevere Aussage von Schumacher, dem Weltmeister. Sie ist durchaus klar, aber sie lässt ihm gleichzeitig ein Hintertürchen offen. Was heißt schon im Moment? Natürlich hängt alles von den Ereignissen in den USA ab, die Sicherheit ist ja wirklich das große Thema. Aber seit Monza, seit dem Grand Prix am vergangenen Wochenende, kommt eine andere Frage dazu, wenn Schumacher "im Moment" sagt. Zumindest jedenfalls hat man das Gefühl, dass sie dazu kommt, die Frage. Nämlich: Kann sich Schumacher überhaupt noch richtig auf die letzten WM-Läufe konzentrieren? Ist er in der Lage, so exzellent zu fahren, wie er das seit Jahren demonstriert.

Seltsame Fragen sind das bei einem wie Schumacher. Keiner arbeitet konzentrierter, analytischer und mit größerem Teamgeist als der mann mit den vier WM-Titen. Und: Weshalb lief er am Sonntag in Monza fast wie in Trance herum? Lag das nur an den Toten von New York?

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Schumachers Weg zur WM
Online-Gaming: meinberlin.de sucht den Formel-1-Champion! Schumacher ist im Juli, bei Testfahrten, in Monza mit 315 km/h gegen einen Reifenstapel geprallt. Er war danach im Fahrerlager kurze Zeit schweigsamer als sonst, aber mehr war nicht. Ein Profi. Doch dann jagten die Jets in die Türme des World Trade Center, und der Profi Schumacher wirkte auf einmal so, als wären sie direkt in sein Herz geflogen. Erschüttert, hilflos, geistig auf der Flucht vor allem, das nicht zu seinem Plichtprogramm gehört. Er ließ nach den offiziellen Pressekonferenzen die Fernsehteams stehen, das gab es noch nie. Er schlüpfte sofort aus seinem Overall, sobald er an diesem Tag nicht mehr fahren musste. Als wollte er möglichst schnell Distanz zu seinem Job legen. Er fuhr sofort nach dem Rennen nach Hause, auch ein Novum. Er wurde Vierter, damit musste er nicht zur Pressekonferenz. Für ihn muss das ein Segen gewesen sein. Sonst hätten ihn wieder alle in seiner Hilflosigkeit gesehen. So wie vor dem Rennen, zwei Tage nach der Katastrophe. Er musste zu dieser Pressekonferenz. Schumacher saß da, sagte zwei Sätze, verlor den Faden, begann zu stammeln und wirkte, sagen Leute, die dabei waren, nur noch hilflos.

Unprofessionell, sagten andere, aber es war wohl doch nur Hilflosigkeit. Denn da waren die Kameras, die Journalisten, die Blicke, die jedes Zucken analysierten. Schumacher hasst es, in solchen Momenten, in denen Gefühl etwas sehr, sehr privates sind, auf einem Podium zu sitzen. Als Aytron Senna nach seinem Rennunfall vor Millionen Fernsehzuschauern begraben wurde, fehlte Schumacher, obwohl Senna sein heimliches Vorbild war. Schumacher ging erst ein Jahr später ans Grab, nur mit seiner Frau, er wollte nicht vor Kameras trauern.

Hätte er sich auch so hilflos präsentiert, wenn er noch nicht Weltmeister gewesen wäre? Wahrscheinlich hätte ihn seine Konzentrationsfähigkeit davor bewahrt. Der Profi Schumacher hätte noch einen Job zu erledigen gehabt. New York hätte ihm kaum so tief erreicht wie es nun war. New York konnte ihn nun so intensiv erreichen, weil er Weltmeister war. "Es ist schön, ohne Druck fahren zu können", hatte er schon vor dem Rennen in Spa gesagt. Aber in Monza trafen wohl zu viele Emotionen auf einen empfänglichen Schumacher. In Monza hatte er kurz zuvor einen schweren Unfall, in Monza starb 2000 ein Streckenposten, vor Monza erschütterte der Terror die Welt, und dann verlor am Samstag auch noch ChampCar-Fahrer Alessandro Zanardi beide Beine. Schumacher kennt Zanardi gut. Das alles war wohl zu viel, auch für einen Profi wie Schumacher.

Wie soll ihn da dann einer wie Bernie Ecclestone treffen? Der hatte am Freitag erklärt: "Schumacher ist noch nicht Weltmeister. Gut möglich, dass ihm noch Punkte abgezogen werden." Möglicherweise eine Drohung, aus Angst vor einem USA-Boykott des Weltmeisters. Aber Michael Schumacher reagierte gar nicht. Er hatte Wichtigeres zu verarbeiten als taktische Drohungen. Bis zum Wochenende, sagt Sabine Kehm, wird er nichts mehr sagen.

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